Berliner Kino

Die Zukunft des Babylons entscheidet sich vor Gericht

Der Kampf ums Filmkunsthaus geht weiter: Noch ist der Insolvenzantrag des abberufenen zweiten Geschäftsführers nicht vom Tisch.

Der Chef im Vorführraum: Timothy Grossman,ist mittlerweile alleiniger Geschäftsführer des Kinos Babylon

Der Chef im Vorführraum: Timothy Grossman,ist mittlerweile alleiniger Geschäftsführer des Kinos Babylon

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Auf der Homepage des Kinos Babylon ist die Welt in Ordnung. Die neuen Filmreihen werden vor dem Hintergrund des vollbesetzten Kinosaales angekündigt, in der Rubrik Veranstaltungen steht: „Das Babylon lebt.“ Das ist verständlich. Denn das Filmkunsthaus, schräg gegenüber der Volksbühne in Mitte gelegen, befindet sich in einem Kulturkampf. Der könnte sogar die Existenz bedrohen. Unter der Überschrift „Der Niedergang von/m Babylon?“ berichtet die Gewerkschaft Verdi im Internet über die neuen Entwicklungen.

Verdi vertritt die streikenden Mitarbeiter des Kinos. Eine Handvoll befindet sich im Ausstand. Sie stehen allabendlich vor dem Eingang, fordern eine Erhöhung des Stundenlohnes. Die Geschäftsleitung lehnt das ab, „zwei ergebnislose Verhandlungsrunden“ haben stattgefunden, seit dem 23. Juli wird gestreikt. Ein Nervenkrieg.

Der Arbeitskampf hat eine dynamische Entwicklung ausgelöst, die in einem Insolvenzantrag und der Abberufung des einen durch den anderen Geschäftsführer gipfelte.

Rosenkrieg zwischen den beiden Gesellschaftern

Das Verhältnis zwischen Tobias Hackel und Timothy Grossman, die 2005 gemeinsam das Babylon übernommen haben, galt schon länger als angespannt. Hackel wollte den Tarifkonflikt lösen, Grossman das Problem aussitzen. Die Streikenden verteilten Boykottaufrufe, Babylon-Geschäftsführer Grossman reagierte darauf mit einer „Kunst-Aktion“: Er bemalte den Eingangsbereich mit Davidsternen, an der Fassade prangte ein „Boykott“-Plakat, das an die Anti-Juden-Kampagnen der Nazis im Dritten Reich erinnerte. Politiker verurteilten die Aktion, einige Künstler sagten Auftritte ab. Das war im Oktober.

Am 11. November reichte Hackel, der zweite Geschäftsführer der Neuen Babylon GmbH, die das Kino betreibt, beim Amtsgericht Charlottenburg einen Insolvenzantrag ein. Grossman, der 51 Prozent der Anteile hält, wusste von diesem Schritt nichts. Er reagierte, indem er „wegen dieses Alleingangs“ Hackel am vergangenen Freitag vom Geschäftsführeramt entband.

Anwälte regeln die Trennung

Grossman begründete den Schritt mit einer rhetorischen Frage: „Darf ein Geschäftsführer, der seit Monaten trotz wiederholter Aufforderungen nicht mehr in seinem Unternehmen gesehen wurde und sich zunehmend von seinem Teil der Programmarbeit verabschiedet hat, ohne jede Ankündigung im Alleingang die Schließung und Abwicklung beantragen? Ich bin Mehrheitsgesellschafter und habe eine Verantwortung für das Unternehmen. Diese Verantwortung musste ich nun wahrnehmen.“

Hackel ist aber nach wie vor Gesellschafter, Grossman habe die Geschäftsanteile von Hackel „nicht übernommen“, teilte das Babylon auf Nachfrage mit. Das dürfte die Situation nicht vereinfachen. Die „weitere Trennung der gemeinsamen Aktivitäten müssen die Anwälte regeln“, hieß es am Freitag.

Hackel will sich wegen der „juristischen Schwierigkeiten“ nicht äußern, der streikende Betriebsrat reagierte „verwundert“ auf die Abberufung, denn Hackel „gestaltet mehr als drei Viertel des Programms des Hauses“.

Den von Hackel eingereichten Insolvenzantrag bezeichnete Grossman als „unzulässig“. Eine vom Babylon beauftragte Kanzlei habe „in einer Stellungnahme an das Amtsgericht Charlottenburg dargelegt, dass das Unternehmen über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, um sämtliche Verbindlichkeiten zu erfüllen“.

„Eine sehr verfahrere Situation“

Nach außen versucht das Babylon, das Thema Insolvenz als erledigt darzustellen. Das ist aber noch nicht der Fall. Gerichtssprecherin Annette Gabriel bestätige Anfang dieser Woche den Eingang des Antrags auf Rücknahme des Insolvenzantrags. Der aber müsse erst vom Gericht überprüft werden. Das soll kurzfristig erfolgen, die Entscheidung zur Zukunft des Babylon könnte in dieser Woche fallen.

Für das Kino zählt jeder Tag, denn solange eine Insolvenz droht, ist die Gefahr groß, dass sich Geschäftspartner abwenden und Kooperationen aufkündigen.

Sabine Bangert, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, kritisiert den „zurückhaltenden Umgang der Senatsverwaltung mit dem Babylon“. Sie sorgt sich, dass beispielsweise Anwaltskosten – zuletzt verlor das Kino zwei Verfahren vor dem Arbeitsgericht – durch den Steuerzahler bezahlt werden müssen. Und sie plädiert dafür, die Zuschüsse des Landes ans Babylon qualifiziert zu sperren, die Auszahlung der Mittel also an konkrete Vorgaben zu knüpfen, um damit Druck aufzubauen.

Vorwurf der mangelnden Transparenz

Von einer „sehr verfahrenen Situation“ spricht die Senatskulturverwaltung, die das Kino Babylon mit knapp 360.000 Euro pro Jahr bezuschusst. Rechtlich seien der Verwaltung die Hände gebunden, solange die Zuwendungskriterien erfüllt seien, sagte ein Sprecher. Die sehen unter anderem vor, dass der Mindestlohn gezahlt wird und der Anteil des kommerziellen Kinos 49 Prozent nicht überschreitet – derzeit läge er deutlich darunter.

Das Babylon, eine privat geführte GmbH, soll durch andere Geschäftsaktivitäten wie Saal-Vermietungen Einnahmen erzielen, mit denen im Idealfall der kommunale Kinobetrieb querfinanziert wird. Diese Geschäftskonstruktion, die unter Kultursenator Thomas Flierl (Linke) 2005 umgesetzt wurde, war umstritten. Oppositionspolitiker befürchteten mangelnde Transparenz, kleine Kinobetreiber eine subventionierte Konkurrenz.

Am Montag hat Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) auf eine Anfrage der Piraten angedeutet, dass diese GmbH-Konstruktion überdacht werden könnte. Aber erstmal entscheidet das Gericht.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.