Aufführung

Ein Herz, so stark wie eine Bulette

Eliza Doolittle plappert mit Berliner Schnauze: Die Komische Oper zeigt erstmals das Musical „My Fair Lady“.

Sie wickelt alle um den Finger: Katharine Mehrling als frech-fesche Eliza Doolittle im prachtvollen Kleid. Das Ensemble tritt mit 70 Tänzern und Schauspielern an

Sie wickelt alle um den Finger: Katharine Mehrling als frech-fesche Eliza Doolittle im prachtvollen Kleid. Das Ensemble tritt mit 70 Tänzern und Schauspielern an

Foto: Iko Freese | drama-berlin.de

Riesengroß. Und dann noch größer. Mit seiner stets treffenden Spielzeugästhetik gelingt es Andreas Homoki, auch in seiner Inszenierung von „My Fair Lady“, den Blick sofort auf das Wesentliche zu richten. Diesmal ist dieses bühnenraumfüllend vergrößerte Requisit ein rot glänzendes Grammophon, mit dem der Phonetikprofessor Henry Higgins jedes Wort des Blumenmädchens Eliza Doolittle aufzeichnet. Hochsprache und gebildete Ausdrucksweise will er ihr beibringen, sie zu einer Dame der feinen Gesellschaft machen. Die Kratzbürste mit dem Lockeneisen bearbeiten, sechs Monate lang – so sieht es seine Wette mit dem Sprachforscher Oberst Pickering vor. Dann soll Eliza auf dem Diplomatenball am englischen Königshof als Herzogin durchgehen.

Katharine Mehrling hat ihr Publikum ganz in der Hand

„Ick sach nur Bulette“, berlinert Eliza ironisch. Das Herz von Professor Higgins sei nichts als ein Fleischklops, vermutet die scharfzüngige Göre. Die deutsche Fassung des Erfolgsmusicals, 1961 am Theater des Westens zum ersten Mal aufgeführt, ist auf Berlinisch geschrieben. Und das kongenial. Alle englischen Dialekte, die der Phonetikforscher den Leuten auf der Straße abhört, sind kurzerhand in krude Grammatik und charmante Gossensprache verwandelt. Damals wie heute treffen die sprachlichen Sticheleien beider Seiten beim Publikum ins Schwarze. Eliza Doolittle bekommt immer wieder Szenenapplaus, sodass der Professor kurzerhand auch gleich den Zuschauern die Berliner Schnauze abgewöhnen will. In der Pause grüßt man sich im Foyer mit „Guuuten Tag“, eine Vokalübung aus dem Saal nachahmend. Im Kopf trällert man sowieso „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“.

Das Stück um den egozentrischen Sprachforscher und sein Experiment mit der pfiffigen, aber armen Eliza entstammt George Bernhard Shaws Komödie „Pygmalion“ von 1912 und war eine der meistgelesenen Lektüren zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Shaw bündelt darin antike und moderne Fassungen ein und desselben Sujets: Ovids Bildhauer Pygmalion verliebt sich in das von ihm geschaffene ideale Frauenbild, Gottfried Keller erzählt von einem Schweizer Nähmädchen, der nicht standesgemäßen Verlobten eines Professors, die erzogen und gesellschaftsfähig gemacht werden soll. Genüsslich führt Shaw seinem Publikum vor Augen, wie ein „gebildetes Idiom“ als höchstes Ziel und Versicherung des öffentlichen Respekts gesehen werden und am Ende doch nichts bedeuten kann.

Die Sopranistin Katharine Mehrling hat ihr Publikum in der Hand, wie sie stottert und kiekst, auf Elizas ehrgeizigem Weg, eine Lady zu werden. Ihre Arien sind mädchenhaft leicht, haben dabei ein herrliches Schnodder-Timbre. Max Hopp als Higgins ist der perfekte Antiheld und von Regisseur Andreas Homoki schon in einer frühen Szene mit Christoph Späth alias Oberst Pickering zum glücklichen Paar bestimmt.

Als Alleskönner im Ensemble der Komischen Oper fasziniert Jens Larsen in der Rolle von Elizas schlitzohrigem Vater, immer auf der Suche nach „nem kleen Stickchen Glick“. Er bereichert seinen Part um das Getriebensein des Spielers, das Monströse des alkoholkranken Vaters, der seine 13-jährige Tochter für fünf Pfund, laut Programmbuch nach heutiger Währung 530 Euro entsprechend, dem Professor für dessen Sozialexperiment überlässt. Aber er gewinnt unsere Herzen, denn das kleine Stückchen Glück, das ihm später zuteilwird, macht ihn zu einem einfühlsameren und damit besseren Menschen.

Musical mit tollen Sängern und glänzender Ausstattung

Zum ersten Mal steht das Musical auf der Bühne der Komischen Oper, das doch fast jedes Provinztheater schon als Kassenschlager gezeigt hat. Hier ist die ungekürzte und voll ausstaffierte Fassung zu sehen, mit fast 70 Sängern und Tänzern. Den Revuenummern bekommt die Fülle gut, sie sind überaus geschmackvoll angelegt. Für das Galopprennen in Ascot wie für den glamourösen Ball hat Kostümbildnerin Mechthild Seipel lauter elegante und zeitlose Einzelmodelle geschaffen, bei den Straßenszenen in Convent Garden wirken Jeans, Karohemden und Ballonmützen ein wenig zu gleichförmig und sauber.

Alles bleibt in Bewegung. Dazu trägt der sich zwischen den Szenen im Kreis um die Drehbühne bewegende Vorhang bei, der die Handelnden mal aus dem Bild entlässt, mal ins nächste hineinzieht. Überhaupt gelingen Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann sehr eindrucksvolle Anordnungen. Etwa, wenn am Ende des ersten Aktes die Drehbühne zur sich drehenden Schellackplatte wird und Eliza, die von den vielen Sprechübungen fast einen Knoten in der Zunge hat, einsam auf den Mittelknopf des Plattentellers steigt.

Als sei das Grammophon noch nicht stark genug angekurbelt, wirken sowohl die Ouvertüre als auch das Orchestervorspiel zum zweiten Akt etwas schwerfällig zu Beginn. Die estnische Dirigentin Kristiina Poska hat aber die zuweilen wahnwitzig schnell gesungenen Duette und Chöre ausgezeichnet im Griff. Einziger musikalischer Minuspunkt ist die Verstärkung aller Solisten. Für die Durchsetzungskraft der eher zarten Katherine Mehrling mag das Mikroport unerlässlich sein. Aber Sänger wie Jens Larsen und Christiane Oertel, entzückend als Haushälterin Mrs. Pearce, müssen sich hörbar zurücknehmen.

Auf jeden Fall ist der Besuch von „My Fair Lady“ ein aussagekräftiges und liebevolles Weihnachtsgeschenk. Mit bravourösen Sängern und glänzender Ausstattung, aber ohne überflüssige Knalleffekte zeigt die Inszenierung, wie wir „fair“, also schön, aber auch gerecht sein können, wenn wir aus unseren Unzulänglichkeiten das Beste machen. Und diese Botschaft trifft in jede Bulette – pardon, mitten ins Herz.

Komische Oper Berlin, Behrenstr. 55-57. Wieder am 5.12., 19.30 Uhr

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.