Kultur

„Leben Sie Ihr Leben!“

Über den Terrorismus als Mutation des Islam, den Umgang mit der Angst und Märchen als Spiegel der Gegenwart: ein Gespräch mit Salman Rushdie

Jahrelang hat Salman Rushdie unter dem Fluch des religiösen Fanatismus gelitten, hat die Freiheit der Kunst mit einem Leben im Versteck bezahlt. Auch im neuen, märchenhaften Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ kämpfen gute gegen böse Mächte. Ein Gespräch mit dem 68-jährigen Schriftsteller.

Berliner Morgenpost: Herr Rushdie, es scheint, als seien die dunklen Dschinnen aus Ihrem Roman nun mitten unter uns. Haben Sie vielleicht gar keinen Roman, sondern eine Prophezeiung geschrieben?

Salman Rushdie: Ganz offensichtlich sind hier Monster am Werk. Den Kampf zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen hat es immer schon gegeben. Das ist die Geschichte der Menschheit, die sich ewig wiederholt. Und es ist nicht nur ein externer Konflikt, sondern auch einer, der in jedem Menschen stattfindet. Jeder von uns trägt einen Zug des Irrationalen in sich, egal, wie vernünftig wir zu sein glauben. Und egal, wie friedlich wir zu sein glauben, sind wir dazu fähig, uns ganz und gar nicht friedlich zu verhalten. Märchen erzählen immer von der echten Welt. Sie zeigen eine gebrochene, verrückte Version der Gegenwart.

Wo waren Sie am Freitag, den 13. November? Wie haben Sie von den Anschlägen erfahren?

Ich war daheim in New York. Wie alle anderen war ich entsetzt. Ich habe viele Freunde, die als Musiker schon in der Konzerthalle Bataclan aufgetreten sind. Das große Angriffsziel der Fanatiker ist die Welt des Vergnügens. Diese jungen Menschen in Paris wollten ausgehen, feiern. Einen normalen Freitagabend erleben. Das reichte, um getötet zu werden. Es ist ein Konflikt zwischen der Welt des Puritanismus und der Welt von Frieden und Vergnügen.

Auf Twitter schrieben Sie, „Islamic maniacs discredit the Islam“ – „Irre Islamisten bringen den Islam in Misskredit“. Muslime wiederum distanzieren sich, unter dem Hashtag #notinmyname.

Natürlich halten diese Irren sich für Muslime, sie zitieren den Koran und rufen „Allah ist groß“. Man kann nicht weiterhin behaupten, der Islam wäre eine Religion der Liebe und des Friedens, wenn die Erscheinungsformen des Islam in der Welt das genaue Gegenteil zeigen. Der Terrorismus ist eine Mutation des Islam. Verursacht wurde er vor allem durch Bildung und Erziehung, die Ausbreitung des Wahhabismus in Saudi-Arabien etwa über zwei, drei Generationen. Das hat viel mehr mit Geld und Öl zu tun als mit möglichen Missetaten des Westens und westlicher Außenpolitik.

Also tragen die westlichen Staaten keine Schuld an der Entwicklung?

Ich habe Leute so satt, die sagen, geben wir uns selbst die Schuld! Wenn ich Sie ärgere, und Sie töten mich – dann ist mein Verhalten keine Entschuldigung, Sie sind immer noch ein Mörder. Diese Menschen in Paris haben nichts getan. Und auch „Charlie Hebdo“ hatte nichts getan. Es liegt in der Natur der Satire, beleidigend zu sein. Wie soll eine respektvolle politische Karikatur aussehen? Das gibt es nicht. Und was haben die Menschen in dem jüdischen Supermarkt verbrochen?

Was Sie sagen, bezieht Sie selbst ein: Sie haben nichts getan – außer, ein Buch zu schreiben. Oder?

Ja. Jetzt, wo das alles so lange her ist, macht mich eine Sache glücklich: Dass Menschen heute das Buch lesen können, ohne es für ein skandalöses Objekt zu halten, gerade junge Menschen. Endlich kann dieses Buch das normale Leben eines Romans leben: Einige Menschen mögen es, andere mögen es nicht so sehr.

Wie sind Sie damals der Angst begegnet? Können Sie uns einen Rat geben?

Sie müssen die Situation akzeptieren: Es gibt keine absolute Sicherheit, nur verschiedene Ebenen der Unsicherheit. Wir müssen alle sterben. Deshalb: Leben Sie Ihr Leben! Nehmen Sie die U-Bahn, essen Sie in Restaurants, besuchen Sie Konzerte. Wie können wir überleben, wenn wir die Dinge aus unserem Leben streichen, die wir lieben? Natürlich brauchen wir das Gefühl, dass Menschen daran arbeiten, damit sich diese Attentate nicht wiederholen können. Aber die beste Rache ist Frieden. Geben wir das nicht auf! Wir leben im glücklichen Teil der Welt. (kurzes Schweigen)Wissen Sie, was der schlimmste Schaden ist, den die Fatwa verursacht hat? Dass ich nun über diese Dinge sprechen muss, wie ein Politiker und nicht wie ein Schriftsteller. Wie ein Redenschwinger und nicht wie ein Künstler. Das ist sehr, sehr frustrierend. Ich möchte nicht der Wortführer für Meinungsfreiheit sein, nicht Mr. Liberty.

Die Idee, dass dunkle Dschinnen in die Menschen fahren können, ist ein Mix aus östlichen Geschichten mit den tiefen­psychologischen Ideen des Surrealismus?

Ganz genau. Wenn ich schreibe, verlasse ich mich eher auf Instinkt denn auf Logik. Diese Idee, dass ein Dschinn in den Menschen fährt, ist zunächst einfach mal eine starke Szene. Ich habe drei Jahre an dem Buch geschrieben, und die Hälfte der Zeit experimentiert. Es hat mir so viel Spaß gemacht, die beiden Jugendbücher zu schreiben, „Harun“ und „Luka“. Ich dachte, warum mache ich so etwas nicht für Erwachsene?

Würden Sie Indien eigentlich heute noch als Heimatland bezeichnen?

In gewisser Weise fühlt sich der Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist, immer wie Heimat an. Aber heute fühle ich mich in New York mehr daheim. Und doch habe ich es noch nicht geschafft, einen Roman zu schreiben, der nicht mit einem Thema, mit einer Figur auf Indien verweist. Meine indischen Wurzeln gehen sehr tief. Aber das Indien, über das ich schreibe, das gibt es gar nicht mehr.

Eine Ihrer Romanfiguren ist der Philosoph Ibn Ruschd. Er hat im 12. Jahrhundert für Rationalität und Wissenschaft argumentiert, war aber doch religiös. Wie viel haben Sie gemeinsam?

Neben den offensichtlichen Gemeinsamkeiten – mein Vater hat sich aus Bewunderung nach ihm benannt, auch er wurde verfolgt und seine Bücher wurden verbrannt – ist mein Denken nicht mit seinem gleichzusetzen. Er hat sich immer innerhalb des religiösen Rahmens bewegt. Ich aber bin kein Fan von Religion. Was mich an ihm interessiert hat, sind vor allem meine Unterschiede zu ihm. Ich bin, nachdem ich meine Autobiografie „Joseph Anton“ geschrieben habe, nicht mehr interessiert an Selbstporträts. Im Gegenteil, manchmal ziehen mich die schrecklichen Charaktere in meinen Büchern sehr an. Der Dschinn, wenn er so ganz er selbst ist, so unverfroren fürchterlich – das ist spannend!