Kultur

DDR-Witze aus den Geheimakten des BND

Da werden sich manche Schlapphüte schlapp gelacht haben, bevor sie zweimal im Jahr ihre Sammlung mit DDR- Witzen im Bonner Kanzleramt vorlegten. Kaum zu glauben, aber auch das gehörte bis zum Ende des SED-Staats zum Auftrag des Bundesnachrichtendienstes (BND): die geflüsterten ostdeutschen Kalauer abzuhorchen und sie als Indikator für die Stimmungslage und damit die Stabilität des politischen Systems jenseits der Mauer den in Bonn Regierenden zu präsentieren. Dass die Witzesammlungen traditionell ausgerechnet am 11. November, dem Auftakt der rheinischen Karnevalssaison, und dann noch einmal am Rosenmontag, dem Höhepunkt des närrischen Treibens, übergeben wurden, könnte vom humoresken Gespür der Geheimdienstler künden. Doch sie meinten es ganz ernst.

Alles kein Witz, sondern nachzulesen in einem kleinen roten Büchlein, betitelt „Ausgelacht“. Geschrieben, in den politischen Zusammenhang gesetzt und aus den Witz-Geheimakten des BND zitiert haben Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Hans-Wilhelm Saure, Chefreporter bei „BILD“. Mit einem durchaus ernsten Hintergrund. Denn besonders in den 50er- und 60er-Jahren war es noch höchst riskant, sich über Ulbricht und dessen Hunger-Sozialismus lustig zu machen. Das galt als „staatsfeindliche Hetze“ und wurde hart bestraft.

Zu fünfzehn Monaten Zuchthaus und dem Verlust der bürgerlichen Rechte wurde in dieser Zeit ein 33-jähriger Landwirt verurteilt, der folgenden Witz erzählt hatte: „Wer hat die stärkste Flotte – die DDR oder England? Die DDR hat die stärkste Flotte. Sie hat 16 Millionen Kohlendampfer, zwei Millionen Abdampfer und drei Zerstörer“. Als Letztere galten Staatspräsident Pieck, Ministerpräsident Grotewohl und Parteichef Ulbricht. Erst ab den 70er-Jahren galten Witze nicht länger als „staatsfeindliche Hetze“. Je weiter es mit der DDR bergab ging, desto häufiger machten selbst Parteimitglieder per Witz ihrem Unmut Luft. Unerforscht ist bislang, ob die Witze tatsächlich Teil des DDR-Untergangsszenarios waren.