Theater-Kritik

Herrliche verbale und handgreifliche Giftspritzereien

Dicke Pointen: Yasmina Rezas „Kunst“ am Hans Otto Theater

Weiße Streifen auf weißem Grund? Für 200.000 Franc? Gut, so ganz weiß ist das an den Rändern grau ausfransende Gemälde nicht, das Yves gekauft hat und jetzt mit zwei Lappen anfasst, damit die Fingerabdrücke keine Spuren hinterlassen. Dennoch: Kunst oder Krempel? Liegt wie so oft im Auge des Betrachters. Um „Kunst“ geht es in Yasmina Rezas gleichnamiger Komödie allerdings ohnehin nur bedingt. Sondern in erster Linie um Kommunikation. Um Freundschaft. Ums gemeinsame Lachen-Können. Weil Letzteres in jedem Fall fürs Publikum gilt, ist „Kunst“ seit seiner Uraufführung 1994 längst zu einem Welterfolg geworden, aufgeführt in Boulevard- wie an Stadttheatern. Schließlich tun sich unter der glänzenden Oberfläche dieser Konversationskomödie Abgründe des bürgerlichen Selbstverständnisses auf. Drei Männer, in die Jahre gekommen wie ihre Freundschaft, müssen sich plötzlich positionieren und definieren, weil Marc von Serges Kauf wie vor den Kopf gestoßen ist und Yvan zu vermitteln versucht: Wer bin ich? Warum sind meine Freunde meine Freunde? Sind sie Spiegel meiner Seele – oder nur meine Projektionsflächen?

Fragen, die Reza dick in Pointen packt. Einem Regisseur bleibt wenig mehr, als ihren Text aufs Gleis zu setzen und losschnurren zu lassen. Entsprechend konzentriert sich Hausherr Tobias Wellemeyer am Potsdamer Hans Otto Theater auf die Arbeit an den Figuren. Der weiße Raum, den Bühnenbildner Alexander Wolf schräg ins Parkett ragen lässt, vereint drei Wohnungen: wenige, stilsichere Möbel, ein Regal, das sich aus der Wand schiebt, zwei Türen. So gelingen fliegende Ortswechsel und eine Charakterisierung der sozialen Milieus.

Hier gehen die drei Männer aufeinander los, deren Wortgefechte irgendwann in reale Handgreiflichkeiten münden. Bernd Geilings Serge spreizt sich etwas blasiert, eine Pfauenschau aus Selbstbewusstsein und Eitelkeit. Wenn er den Raum durchmisst in seinem eleganten blauen Anzug, dann schreitet er, lässt seine Hände flackern, zelebriert seine Worte. Ein Snob, dessen Bodenhaftung und Menschlichkeit ahnbar bleiben.

Marc hingegen ist bei Jon-Kaare Koppe ein ziemlich freudloser Sachverwalter von ästhetisch konservativen Positionen, den die Rechthaberei antreibt wie einen Duracellhasen. Als Flummi springt zwischen den beiden Freunden Philipp Mauritz’ Yvan herum, ein Chamäleon, das ihnen gerade darum zunehmend auf die Nerven geht. Hinreißend sein Schnellsprech, als er erzählt, warum er sich verspätet hat. Alle drei geben dem Komödien-Affen Zucker, ohne die Glaubwürdigkeit ihrer Figuren zu gefährden. Nur fehlen manchmal die Risse im Spiel, der Blick in den Abgrund und auf die existenzielle Verlorenheit, die Rezas Männer neben ihren verbalen Giftspritzereien eben auch noch besitzen. Aber auch so gibt’s am Ende langen, herzlichen Applaus.

Hans Otto Theater, Schiffbauergasse 11, Potsdam. Karten: 0331/98118. Nächste Termine: 28., 29. November, 18., 23., 25. Dezember, 8., 17., 30. Januar-