Musik

Mit Thurston Moore auf dem Flugzeugträger

Grenzerfahrungen und Fluchtbewegungen im Postbahnhof

Experte für Lärmteppiche: Thurston Moore im Postbahnhof

Experte für Lärmteppiche: Thurston Moore im Postbahnhof

Foto: Getty Images / Redferns/Getty Images

Linker Hand stehen zwei Frauen, sie umschlingen sich und halten sich die Ohren zu. Einige Weicheier haben Ohrstöpsel dabei. Irgendwann merkt man, dass vor der Bühne doch relativ viel Platz ist. Mag es bei Konzerten üblich sein, dass sich die Menschen vorne drängeln, so ist es bei Thurston Moore anders. Je länger er und seine Band an diesem Abend im Postbahnhof spielen, desto mehr verlagert sich ein Teil des Publikums nach hinten.

Der Rückzug setzt bei „Turn on“ ein, es ist das letzte Lied vor der Pause. Thurston Moore kündigt es als „psychedelisches Liebeslied“ an. Das sollte man wissen, weil es den unbefangenen Zuhörern mehr wie eine Klanginstallation vorkommen wird, aufgenommen auf einem Flugzeugträger in Vollbetrieb. Ein Lärmteppich steigt auf und senkt sich über den Zuschauer und bleibt und bleibt. Um die 20 Minuten lang geht das so, augenscheinlich eine Grenzerfahrung für einige. Positiv zu vermerken ist, dass die Tontechniker auch im hochvolumigen Bereich alles fein aussteuern. Kurz bevor man mit aufsteigendem Fatalismus glaubt, es würde kein Ende mehr nehmen, kommt die Pause, die sich beide, also Künstler und Publikum, verdient haben.

Rückkopplungen als Hobby

Steve Shelley macht sich in diesen Minuten besonders verdient, hat er doch den härtesten Job. Während die anderen drei an ihren Gitarren zupfen, mühelos zum nächsten Loop ansetzen und Thurston Moore seinem Hobby nachgeht und sich an Rückkopplungen probiert, bearbeitet Steve Shelley das Schlagzeug. Er macht das großartig. Bei ihm sieht es immer so aus, als hätten er und das Schlagzeug ein persönliches Problem und nun sei endlich der Tag gekommen, dieses zu lösen.

Steve Shelley war vor zwei Jahren auch in der Stadt, als er Lee Ranaldo im „Lido“ begleitete. Es war ein sensationell trostloser Abend – als wenn man vier angejahrte Geeks in ihrem Proberaum überrascht hätte und nun ihrer Arbeit folgen müsste. Aber gern zugehört hatte man trotzdem. Denn Lee Ranaldo hat bei seinem Soloprojekt den melodiösen, zeitlosen Weg gewählt. Thurston Moore nun, das beweist er auch an diesem Abend, fühlt sich mehr der krachigen Seite seiner einstigen Band verpflichtet.

Steve Shelley, Lee Ranaldo, Bassistin Kim Gordon und er waren Sonic Youth. Die Band hat vor vier Jahren ihr vorläufiges Ende verkündet, nachdem die Ehe zwischen Kim Gordon und Thurston Moore auseinandergegangen war. 27 Jahre waren die beiden ein Paar. Sie hat eine Art Autobiografie verfasst („A girl in a band“), in der sie auch über die jahrelange Affäre ihres Mannes berichtet. Am Schluss schreibt sie, dass sie ein wenig Mitleid mit ihm habe: „Es tut mir leid, wie er seine Ehe, seine Band, seine Tochter, seine Familie, unser gemeinsames Leben verloren hat – und sich selbst.“ Verzeihen wolle sie ihm nicht.

Schlank, schlaksig, Bobtail-Frisur

Bleiben wird, dass Sonic Youth mit einem Album Musikgeschichte geschrieben. „Daydream Nation“ mit der ikonischen Kerze von Gerhard Richter auf dem Cover erschien 1988. Thurston Moore erkannte vor Jahren, dass so ein Meisterwerk auch seinen Preis hat. „Kritisch gesehen bedeutete das, dass wir nie wieder so gut werden würden wie damals“, hat er einmal gesagt.

So ist es wohl, aber es muss ja irgendwie weitergehen, Thurston Moore ist heute 57 Jahre, er ist noch immer sehr schlank und schlaksig, er trägt seine übliche Bobtail-Frisur und lächelt freundlich und höflich in das Publikum. Den ganzen Abend wird die Bühne hell angestrahlt sein als befinde man sich in einem Theater. Thurston Moores letzte Veröffentlichung „The best day“ ist sein viertes Soloalbum und das erste nach der Trennung. Das eingängige und leicht melancholische „Forevermore“ spielt er leider nicht, auf das beruhigende „Speak to the wild“ verzichtet er nicht, erscheint aber live um einiges aggressiver. Mit „Ceasefire“ beginnt er den Abend, aber ein Waffenstillstand klingt anders.