Kultur

Millionenfacher Mord: Wie der Holocaust möglich wurde

Der Holocaust, so schreibt der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem Buch „Black Earth“, war nur möglich, weil zuvor ganze Staaten zerstört wurden. Ob in Polen, der Ukraine oder im Baltikum: Erst das Ende der souveränen Nationen und die Auflösung von Bürokratie und Verwaltung habe den Weg für den millionenfachen Mord an den Juden freigemacht. Snyder, der bereits mit seinem Buch „Bloodlands“ über Osteuropa als „Raum der Gewalt“ für Aufsehen sorgte, stellt in seiner neuen, fast 500 Seiten langen Studie gängige Annahmen zum Holocaust infrage.

Der Yale-Professor und Berater von US-Präsident Barack Obama stützt sich dabei vor allem auf osteuropäische Quellen. Er zeichnet penibel nach, wie die Erosion von Rechtsstaatlichkeit das Werk der Vernichtung erleichterte. Dabei habe sich NS-Deutschland bei der Rückeroberung der zuvor von der Roten Armee besetzten Gebiete auf Stalins Vorarbeit stützen können: Mit der Verfolgung von Intellektuellen, Bauern und anderen „Klassenfeinden“ habe schon die Sowjetbesatzung jede Form von Legalität zerstört.

Snyders Thesen, die zuweilen an Ernst Noltes umstrittene Vergleiche im „Historikerstreit“ erinnern, geht es aber nicht um eine simple Gleichsetzung. Snyder will die vielschichtige Dimension des Holocaust ausloten. Warum wurden etwa in Estland 99 Prozent der Juden ermordet, während im besetzten Dänemark 99 Prozent überlebten? Estland, antwortet Snyder, habe eine doppelte „Zerschlagung der höheren Verwaltung und der politischen Elite“ erlitten – zunächst durch die Sowjets und dann durch die deutschen Besatzer. Die Juden seien ihnen schutzlos ausgeliefert gewesen. In Dänemark dagegen habe der Staat den Besatzern getrotzt und sich vor seine jüdischen Bürger gestellt. Allerdings seien nicht dänische Juden deportiert worden.

Auch stellt Snyder die Deutung infrage, Hitler sei planmäßig gegen die Juden vorgegangen. Erst als sich das Scheitern des Russland-Feldzuges abgezeichnet habe, sei für die Nazis klar geworden, dass eine Umsiedlung der Juden etwa nach Sibirien nicht infrage komme. In seiner Welt des Rassenkampfes habe Hitler dann den Genozid vorangetrieben. Die Verfolgung wurde im Kriegsverlauf wichtiger als der Endsieg. Deutschland wurde auf dem Schlachtfeld besiegt, gewann aber den Krieg gegen die Juden, konstatiert Snyder. Für Hitler sei die Vernichtung der Juden Teil eines „planetarischen Kampfes“ zur Sicherung eines „Lebensraums“ für die Deutschen gewesen.