Kultur

Gelebte Jugend: Der ewige Kampf gegen Langeweile

Eine Jugend in der Kleinstadt, Tobi möchte irgendwo dazugehören. Aber wo nur? Ganz schön schwer als Außenseiter mit eher schlechten Schulnoten. Doch dann ist da dieser eine Abend, diese Fete, zu der jemand ein Buch mitgebracht hat: „Mods“ von Richard Barnes. „Partys, Musik, Mädchen, Schlägereien. Typen, die auf ihren Maschinen posierten, als hätten sie einen Krieg gewonnen“, erinnert Tobi sich an diesen Wendepunkt. „Den Krieg gegen die Langeweile.“ Er jedenfalls ist hin und weg. Eine neue Welt tut sich auf, ein Lebensweg, der nun in eine 480 Seiten starke Graphic Novel gemündet ist: „Fahrradmod“.

Eine schöne Coming-of-Age-Geschichte hat Tobi Dahmen zu Papier gebracht, seine eigene nämlich. Eine, die ganz viel mit Musik und Tanzen zu tun hat, mit Soul und Ska, mit immer neuen Wochenendausflügen und bierseligen Partys. Mädchen kommen auch mal vor, aber wichtiger ist letztlich die Musik, sind die akribisch zusammengestellten Mixkassetten. Man trifft ehrfürchtig auf Ska-Legende Desmond Dekker, durchschwitzt seine T-Shirts bei Konzerten der Busters und gibt ein Heidengeld für obskure Rare-Soul-Singles aus. Freundschaften werden geschlossen, andere gehen auseinander. Nazi-Skins spalten die Szene, Ausflüge nach London sind ein Fest, weil es hier, auf der Portobello Road, die wirklich coolen Klamotten und die wirklich heißen Scheiben gibt. Irgendwann weiß Tobi dann auch ganz genau, was er ist: ein Mod. Ein Fahrradmod, um genau zu sein, denn den Motorroller, eigentlich unabdingbares Accessoire dieser Jugendkultur, kann er sich nicht leisten.

„Warum mache ich das eigentlich immer noch?“, fragt sich Tobi gegen Ende des Buchs, als er erschöpft nach einem Partywochenende nach Hause – zu Frau und Kindern – zurückkehrt. „Es heißt doch Jugendbewegung. Von Jugend sind wir nun reichlich entfernt.“ Doch das Glücksgefühl, das einem beim Verlassen eines Klubs weit nach Sonnenaufgang erfasst, ist keine Altersfrage.

Fahrradmod von Tobi Dahmen, Carlsen, 480 Seiten, 29,99 Euro