Kultur

Hier spricht nur die Musik

Die amerikanische Tedeschi Trucks Band beim Gastspiel im Tempodrom

Sie leisten sich den Luxus, nur die Musik zu spielen, die sie wirklich mögen. Sie scheren sich nicht um Trends. Sie verstehen Konzerte nicht als Shows, die mit möglichst viel Kulissen, Pyrotechnik und LED-Wänden aufgepeppt müssen. Bei der amerikanischen Tedeschi Trucks Band zählt nur eines: die Musik. Und die ersteht jeden Abend neu, ganz nach Stimmung und Laune der Musiker. So auch jetzt am Sonntagabend im gut zur Hälfte gefüllten Tempodrom.

Bis zu zwölf Musiker stehen auf der Bühne und servieren eine stilistisch vielfältige Mixtur aus treibendem Memphis-Soul, pumpendem Southern-Rock und wuchtigem Chicago-Blues. Die 45-jährige Sängerin und Bluesgitarristin Susan Tedeschi und der neun Jahre jüngere Gitarrist Derek Trucks waren jahrelang mit ihren eigenen Bands unterwegs, heirateten 2001 und beschlossen vor gut fünf Jahren, eine gemeinsame Formation zu gründen. Was das Familien- und Seelenleben offenbar erheblich vereinfacht. Im kommenden Jahr wird Album Nummer vier erscheinen, von dem es im Tempodrom bereits einige Kostproben wie die Ballade „Anyhow“ oder das treibende „Laugh About It“ zu hören gibt.

Erinnerungen an Joe CockersTour „Mad Dogs & Englishmen“

Immer wieder finden neben eigenen Stücken ausgewählte Coverversionen den Weg ins Repertoire. Wie jetzt Joe Cockers Fassung von „The Letter“. Im September hat die Tedeschi Trucks Band bei einem Festival im US-Bundesstaat Virginia das 45. Jubiläum der legendären Joe-Cocker-Tournee „Mad Dogs & Englishmen“ gefeiert. In Virginia spielten sie die Stücke nahezu im Originalarrangement, darunter eben auch „The Letter“. Und, so werden sie sich gesagt haben, es wäre doch schade, diese Klassiker der Rockgeschichte nur ein einziges Mal aufzuführen. Und so singt Susan Tedeschi nun mit voluminöser, soulgestählter Stimme „Gimme a ticket for an aeroplane…“. Später wird es von „Mad Dogs“ noch die Leonard-Cohen-Ballade „Bird On A Wire“ und als Zugabe „With A Little Help From My Friends“ geben. Susan Tedeschi singt sie bravourös.

Derek Trucks ist ein phänomenaler Instrumentalist. Wie genial er den Blues mit weltmusikalischen Elementen verquickt, zeigt sich etwa in der langen Einleitung zu „Midnight In Harlem“, in der er in meditativen Melodien die Gesänge pakistanischer Sufisänger auf der Gitarre nachempfindet. Er lässt seine Gibson mit warmem Ton aufheulen, winseln, weinen und überfällt gleich darauf mit kantigen Riffs.

In Susan Tedeschi hat er einen adäquaten Gegenpart. Sie spielt einen eher harten, trockenen Sound auf ihrer Fender Stratocaster. Die beiden harmonieren prächtig. Rückendeckung bekommen sie von einer versierten Musiker-Crew, angetrieben von Keyboards, Bass und gleich zwei Schlagzeugern, Bläsersektion und drei Chorsängern. Sie wühlen mit gewaltiger Lautstärke und etwas grellem Sound in der großen Vergangenheit von Soul und Blues.

Susan Tedeschi singt Bob Dylans „Don’t Think Twice, It’s Allright“, Trucks schabt sich durch das rockig-poppige „Made Up Mind“ und als Finale gibt es nach gut zwei Stunden „The Storm“, das von einer langen Jazzimprovisation eingeleitet wird. Ja, diese Band ist auf eine sympathische Weise altmodisch. Da sind hochmusikalische Wächter der Tradition am Werk, die die Tugenden von Jazz, Blues und Soul pflegen. Und diese mit großem Herzen und Staunen machender Professionalität ins Heute holen.