Kultur

Urbild aller Männerchöre

Unter dem Dach der Sing-Akademie gab es eine Liedertafel, an der nur eine einflussreiche Elite teilnehmen durfte

Das Archiv der Sing-Akademie war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang verschwunden. 1999 wurde die Kriegsbeute durch ein Forscherteam der Harvard University in Kiew wiederentdeckt. Nach politischen Verhandlungen kehrte das Archiv 2001 nach Berlin zurück. Die Musikforscher staunten: In den 241 Kisten befanden sich Autographe, Abschriften und einige seltene Notendrucke. Es sind überwiegend Erstdrucke mit handschriftlichen Widmungen und Anmerkungen. Das ist der Notenschatz des ersten, 1791 gegründeten gemischten Chores in Deutschlands. Die Sing-Akademie hatte nicht nur das frühbürgerliche Musikleben, sondern auch das Sozialgefüge Preußens mitgeprägt.

Eine Neuentdeckung ist bei den Forschungen jetzt ans Licht gekommen: Neben dem ersten gemischten Chor der bürgerlichen Welt entstand unter dem Dach der Sing-Akademie auch das Urbild aller Männerchöre: die von Akademie-Leiter Carl Friedrich Zelter 1809 ins Leben gerufene Liedertafel, die nach neuesten Forschungen sogar zum Kern des bildungsbürgerlichen Pflichtprogramms gehörte. An dieser elitären Liedertafel in Berlin durften nur einflussreiche Männer teilnahmen.

"Sie haben gemacht, was wir als Kultur geerbt haben"

"Es geht um mehr als ein paar singende Männer", sagt Matthias Kornemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster. "Es geht um ein Laboratorium der Selbstbildung, das bis heute wichtig ist. Eine schmale Elite hatte unglaublichen Einfluss in Ministerien, in Universitäten. Sie haben gemacht, was wir als Kultur geerbt haben". Zu den 25 Mitgliedern gehörten der Organist und Komponist Carl Friedrich Ludwig Hellwig oder der Bassist Johann Georg Gern, Solist an der Hofoper. Grundbedingung für die Zugehörigkeit war die Fähigkeit, entweder zu komponieren oder zu dichten. Somit baute sich ein eigenes Repertoire auf, welches so gut wie gar nicht an die Öffentlichkeit kam. Das Modell verbreitete sich rasch auch in andere Städte wie Leipzig und Magdeburg, und sogar bis nach Amerika. Wie die anderen Liedertafeln die Berliner Statuten genau übernahmen, bleibt ein noch relativ unerforschtes Feld. Aber anhand der dokumentieren Sitzungen kann man feststellen, dass die Zelter'sche Liedertafel die Rolle eines Trendsetters übernahm.

Das blieb auch nach Zelters Tod so. "Es gab etwa einen großen Streit darüber, ob Wagners Musik dem gebildeten Bürgertum ein Fremdkörper war oder ob man sie als eine moderne Kunstströmung wahrnehmen sollte", sagt Kornemann zu einer späteren täflerischen Debatte. "Jede Sitzung wurde protokolliert vom Schreibmeister. Man kann darin lesen wie in einem Roman."

Zelters Funktion als "Obermeister" der Tafel überlässt der Nachwelt auch eine ganze Menge Informationen über ihn als Person. "Da lernt man ihn als Berliner Original kennen", so Kornemann. "Ein Handwerker, der bis aufs Blut für seine Ideale kämpft. Und wenn er nicht so gewesen wäre, hätten wir nicht die Sing-Akademie und ihr Haus, das heutige Gorki-Theater, die heutige Kirchenmusikabteilung an der Universität der Künste und viele andere Dinge." Dabei bekam der berühmte Brieffreund Goethes immer starke Impulse aus Weimar. "Goethe konnte nicht viel in seiner Kleinstadt schaffen, aber er konnte Zelter beeinflussen, hier auf größerer Bühne Menschenbildung zu betreiben: in der Liedertafel, in seinem Chor, in der Entdeckung Bach'scher Musik".

Während sich der Chor der Sing-Akademie durch die Pflege von Oratorien und anderem weitbekannten Repertoire über alle Zeitenwenden hinweg behaupten konnte, fand dieser eher rückwärtsgewandte Kreis nach 1945 keinen Nachwuchs mehr. Die heute noch lebendige Männerchortradition besinnt sich auf andere Wurzeln.

"Allein die Tatsache, dass man damals das Repertoire selber schuf, ist heute undenkbar, ist tot", so Axel Fischer, der ebenfalls für die Universität Münster das Berliner Archiv erforscht, zum Zelter'schen Modell. Praktisch kann man sich kaum noch auf die Spuren des Berliner Kreises begeben. Durch den Neubau der Stadt ab Ende des 19. Jahrhunderts unter Wilhelm II. und durch die späteren Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg ist unter anderem das Englische Haus in Mitte, wo sich Dichter und prominente Literaten trafen, und Zelters Geburtshaus verschwunden. Lediglich sein Cembalo kann man im Musikinstrumentenmuseum sehen oder sein Grab auf dem alten Friedhof der Sophienkirche besuchen; Hinweise auf die Liedertafel gibt es nirgendwo in der Stadt. Ihre Akten werden, wie das Archiv der Sing-Akademie, derzeit in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt. Warum man seinerzeit die Frauen ausschloss und damit dem revolutionären Modell des Akademie-Gründers und Bach-Schülers Carl Friedrich Christian Fasch widersprach, bleibt noch unerklärt. Tatsächlich haben die Liedertäfler einmal im Jahr entschieden, eine gemischte Tafel zu veranstalten "damit die Ehegatten zufrieden waren", so Kornemann. "Auf dem Weg in die absolute Gleichstellung gab es Aufs und Abs".

Gethsemanekirche, Stargarder Str. 77. Konzert am 21.11. um 20 Uhr. Haupt- und Mädchenchor der Sing-Akademie

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