Klassik-Kritik

Wenn Musiker streiten, zischeln und knurren

Werke von Ligeti und Kagel in der Staatsopern-Werkstatt

Verstörtes Atmen und Stöhnen. Drei Menschen drängen sich auf einem moosbewachsenen Floß. Sie streiten sich, knurren einander an, zischeln giftig. Einen verständlichen Text gibt es in den „Aventures“ von György Ligeti nicht. Trotzdem wird bei der Premiere der Staatsoper in der Schiller-Theater-Werkstatt schnell deutlich: Es handelt sich um ein Flüchtlingsdrama.

Ligeti und auch sein Kollege Mauricio Kagel würden staunen. Regisseur Michael Höppner hat drei wichtige Werke aus den frühen 60er-Jahren zusammengespannt und mit einer ganz neuen Bedeutungsebene unterlegt. Die Komponisten hatten damals anderes im Sinn. Sie wollten ausloten, wie weit Musiktheater ohne traditionelle Texte funktioniert. Mit „Sur Scène“ begründete Kagel sein instrumentales Theater. Ein professoraler Vortrag über Musik wird durch sinnentleerte Floskeln, durch viel zu schnelles, leises oder hohes Sprechen und durch die verrückten Aktionen von Sänger, Mimen und Instrumentalisten ad absurdum geführt.

Ligeti ist hauptsächlich für seine „Klangflächenkompositionen“ berühmt, dabei hat sich der Komponist immer wieder neu erfunden. Kurz nach Kagels „Sur Scène“ ging er mit den „Aventures“ und den „Nouvelles Aventures“ noch einen Schritt weiter. Er schuf anarchische, sprachsurreale Dramolette, in denen er aus menschlichen Lauten Musik komponierte. In der rasanten Abfolge von 56 Miniszenen geht es nur um die Darstellung von Gefühlen und Verhaltensweisen.

In den 60er-Jahren war das überraschend und innovativ. Heute wirken sinnloses Stammeln und Texte ohne Bedeutung nicht mehr ganz so aufregend. Deshalb kann man dem Regisseur Michael Höppner recht geben. Seine Flüchtlingsassoziationen über Macht und Ohnmacht, Anpassung und Auflehnung geben dem Abend eine neue, aktuelle Dimension. Sie wirkt erstaunlicherweise überhaupt nicht aufgesetzt. Die drei Stücke greifen durch diese Bedeutungsklammer wunderbar ineinander.

Die beiden Stücke von Ligeti nehmen Kagels Werk in die Mitte. Die summenden, fauchenden Flüchtlinge auf dem Floß fallen in die Hände von Kagels pseudo-sprachmächtigem Musikpropheten, der sie belehrt, beherrscht, ihnen die Zähne zieht. Der Schauspieler Felix Theissen und die Sänger Lydia Brotherton, Lena Haselmann und Markus Hollop sind ein beeindruckendes Team. Die Flüchtlinge bekommen Kleidung von ihrem Herrn, aber es sind Clownskostüme.

Dann geht es zurück zu Ligeti. Die Gehirne sind amputiert und die Menschen direkt an den Bildschirm mit dem Dirigenten Max Renne angeschlossen. Eine düstere Vision mit vielen herrlichen und irrwitzigen Momenten. Die Collage der Staatsoper illustriert einen Satz von György Ligeti: „Das Ernste ist immer komisch und das Komische furchterregend.“