Musik

Dimitri Hegemann: Tresor war ein Ort der Wiedervereinigung

Der Gründer des früheren Techno-Klubs in Mitte erinnert im Märkischen Museum an die kurze Zeit in Berlin, als alles möglich war

Der legendäre Technoclub "Tresor" in Berlin (Archivbild 2005)

Der legendäre Technoclub "Tresor" in Berlin (Archivbild 2005)

Foto: pa/dpa/dpaweb/XAMAX

Der Geruch schlägt einem entgegen, wenn man das Märkische Museum betritt. Dieser DDR-Geruch. Was auch immer genau das ist, er ist noch immer da. Ein Teil der Geschichte, den man nicht übermalen oder rückbauen kann. Unter stuckverzierten Kassettendecken hängt dieser Geruch, unpassend und widerständig, weil nicht zu greifen. Ein Spagat zwischen verschiedenen Geschichten, plus Piefigkeit.

Dimitri Hegemann und Diana Alagic wirken vor einer Vitrinenwand voll verzierter Porzellanteller nur sanft deplatziert. Zwei Generationen Berliner Party-Organisation sitzen da beieinander. Die eine seit Jahren verantwortlich für Künstler-Booking und Konzepte im Tresor, der andere hat diesen legendären Techno-Club 1991 mit gegründet. Alagic könnte seine Tochter sein, wenn nicht seine Enkelin. Beide sind lebende Beweise: Berlin ist, und nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte, eine Feiermetropole.

Kreativität, Internationalität, Drogen, Verausgabung, Erotik

Auch darum soll es gehen: eine Brücke zu schlagen zu den Jahren zwischen erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise, als Berlin vier Millionen Einwohner zählte, Ballsäle auf 3000 Besucher ausgelegt waren, die Sperrstunde fiel. Lang vor den Zeiten von Fernsehen, Internet und Smart Phone: eine immense, oft freizügige Vergnügungsindustrie, die Berlin schon damals zu einem Hot Spot Europas machte. Und die Ähnlichkeiten sind da, zumindest in den Mythen: Kreativität, Internationalität, Drogen, Verausgabung, Erotik.

Per Zufall seien sie damals auf den Tresorraum des in den 50er Jahren gesprengten Kaufhauses Wertheim gestoßen, erzählt Hegemann seinen eigenen Gründungsmythos. Die Älteren im Saal erinnern sich noch an die von außen unscheinbare Baracke an der Leipziger Straße, unter der der Tresor lag. Daneben eine große Brache. Diese berühmten Freiräume in Ost-Berlin nach der Wende, wo ein Staat verschwunden war und noch keine neue Ordnung etabliert.

Diese Zeiten anarchischer Selbstorganisation: ein Vakuum, in das auch die in West-Berlin versammelten „Querdenker aus der Provinz“, wie Hegemann sie nennt, mit „Frechheit und Entschlossenheit“ einbrachen, für eine Weile „forschten in der schönen Nacht“. In Läden wie dem Tresor, zu seinem harten, wortlosen Techno, hätten Kids aus Ost und West getanzt. „Da gab’s kein: Wo kommst Du her? Da ging’s gleich los.“ Ein Ort der Wiedervereinigung, wie ihn die große Politik vermutlich nie wirklich hinbekommen hat.

Hegemann ist Romantiker, ein Liebhaber von Orten und ihren Atmosphären

Solche und andere Geschichten kennt man, wenn man sich durch die einschlägigen Veröffentlichungen zum Thema geblättert hat, von Tobias Rapps „Lost and Sound“ bis zur Oral History „Der Klang der Familie“. Erhellend sind an diesem Abend eher die Momente, in denen Hegemanns Wortwahl abhebt, zwischen Berliner Lässigkeit und Novalis-haftem Pathos hin und her flattert: Der Raum des alten Tresor sei einer gewesen, wo „die Wände zu ihm sprachen“. Und auch das Heizkraftwerk an der Köpenicker Straße, in dem der Tresor heute untergebracht ist, erschien ihm beim Betreten sofort als ein „Rohdiamant“, eine „große Halle für den Techno“, die er neben die Neue Nationalgalerie oder den Hamburger Bahnhof stellen wollte.

Hegemann, merkt man da, ist Romantiker. Ein Liebhaber von Orten und ihren Atmosphären, in der eine „Togetherness von Gleichgesinnten“ entstehen kann, als die er eine gelungene Party beschreibt. Und Leute wie Hegemann und Alagic sind zugleich ihre Hersteller, Entrepreneure von Momenten. Alagic ergänzt: Die Musik, die sie für den Tresor bucht, bestehe nicht aus Hits – sie entstehe letztlich erst am Abend selbst, sei unwiederholbar. „Was ich mache kann nicht in einem anderen Raum gemacht werden.“

„Irgendwo ist immer ‘ne Party in Berlin“

Deshalb erscheint das mittlerweile wohl bekanntere Berghain, das öffnete als der alte Tresor schließen musste, angeblich nicht als Konkurrenz. Gemeinsam bilde man diesen Magneten: das Berliner Nachtleben, das sich zunehmend zu einer eigenen „Nighttime Economy“ entwickelt habe. Selbst wenn, wie Hegemann schätzt, nur ein Prozent der Berliner Bevölkerung Teil dieser „Parallelwelt“ sind, strahlt ihr Ruf doch weit. Da kann es schon mal vorkommen, dass sich eine ganze Gesellschaft aus England im Tresor einmietet. „Die kommen dann mit dem Flugzeug an und fliegen morgens um sieben wieder zurück. Eine Party wie ein Phantom.“

Wie ein historisches Phantom streut der radioeins-Moderator Volker Wieprecht immer wieder O-Töne auf den 20er-Jahren in den Geprächsverlauf. Darauf wird jedoch wenig eingegangen. Die Macher der Berliner Nacht sind, scheint es, zu sehr mit ihrer eigenen Geschichtsschreibung beschäftigt um sich ernsthaft mit Vorläufern zu beschäftigen. Wen das interessiert, der muss sich die flankierende Ausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ im Ephraim Palais anschauen.

Alle anderen können losgehen, rein in die Gegenwart. „Irgendwo ist immer ‘ne Party in Berlin“, sagt Diana Alagic mit ihrer rauen Stimme. Ob sie da oft mitfeiern müsse, fragt Wieprecht? „Ja, natürlich“, antwortet sie, „sonst hört man ja nicht wie’s klingt“.