konzert-Kritik

Rias Kammerchor widmet sich der Todessehnsucht

Der Chor klatscht und stampft mit den Füßen. Ein Arpeggio erklingt aus dem Inneren des Klaviers. Der Traumtext von Heiner Müller geht in ein mit schillernden A-cappella-Harmonien vertontes Kindermärchen über. Als eine Reflexion über den "Aufbruch in den Tod und ins Leben" bezeichnet Nik Bärtsch sein Stück "AIM – Ich gehe", das vergangene Woche vom Rias Kammerchor in Amsterdam uraufgeführt wurde und jetzt im Kammermusiksaal der Philharmonie seine deutsche Erstaufführung erlebte. Vor allem aus der Sicht eines Vaters wollte der schweizerische Jazzmusiker und Komponist Müllers posthum veröffentliche Fragmente über den eigenen Traum entdecken. Um seine eigene Geschichte zu erzählen, verweist Bärtsch auf einen von seiner Tochter Aina geschriebenen Text sowie Shakespeares "King Lear".

Rivalität zwischen Schwestern, Pilgerfahrten durch den Wald, ein Mann auf seinem Sterbebett – das ist der Leitfaden. Während Müllers Texte mit krallenden, hohlen Klangfarben und gesprochenen Wörtern in die Psyche drängen, sorgt Bärtschs antiakademische Musiksprache für eine lebendige Atmosphäre, surreal und erzählerisch zugleich. Der Liegestuhl in Müllers drittem Traumtext wird zu einem Jazz-artigen Auftakt in die "King Fool Episode". Besonders beeindruckend sind die in hoher Lage homogen, schwebenden Frauenstimmen. "Everything can be made out of nothing" singt der Chor mehrmals in einander verzahnte Klaviermotive hinein.

Dem Tod kann man nicht entkommen, so die etwas klischeehafte Botschaft, aber das Leben geht weiter. Elliott Carters Frühwerk "The Defense of Corinth" für Sprecher, Männerchor und vierhändiges Klavier bedient sich eines ironischen musikalischen Kommentars. Die Rhythmen sind schwungvoll unter Leitung von Florian Helgath. Die erste Hälfte des Abends ist experimentellen Systemen aus dem Kreis von John Cage gewidmet. Verschiedene ästhetische Wege werden beschritten, die Begeisterung im Kammermusiksaal ist trotz vieler leerer Plätze spürbar. Während einer Zugabe der "King Fool Episode" aus Bärtschs "AIM" am Ende tanzen sogar ein paar Teenager vor ihren Sitzen, als wären sie in einem Rockkonzert.

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