Kultur

Adolf Hitler als Kontrollfreak

Er ist wieder da: Auf mehr als 1000 Seiten beschreibt Peter Longerich das Leben des Diktators

Wer dieses Buch liest, dem wird das Fehlen Hans Mommsens besonders schmerzlich bewusst. Der große Zeithistoriker, der die Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus in ungezählten Artikeln, Aufsätzen und Studien erforschte, ist erst in der vergangenen Woche in Tutzing verstorben. Zu gerne hätte man gewusst, wie er Peter Longerichs Hitler-Biografie kommentiert und beurteilt hätte.

Denn Mommsen gilt als Urheber einer Kontroverse, an der sich abzuarbeiten die Geschichtsschreibung wohl niemals müde werden wird. Sie begann mit einem Lexikonartikel, dem Stichwort „Nationalsozialismus“ in der Enzyklopädie „Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft“, erschienen im Jahr 1971. Der Zündstoff lag in einem Halbsatz. Mommsen, dem die personenfixierte Tradition der Historiographie „großer“ Männer zeitlebens fremd war, kam auf Hitler zu sprechen. Er erkannte in ihm einen „ausschließlich auf die Wahrung seines Prestiges und seiner persönlichen Autorität bedachten, aufs stärkste von der jeweiligen Umgebung beeinflussten, in mancher Hinsicht schwachen Diktator“.

Hitler – ein schwacher Diktator? Darin lag eine gewaltige Provokation. Waren ihm nicht seine engste Umgebung und auch die deutsche Bevölkerung fast ausschließlich geradezu hündisch ergeben gewesen? Konnte man einen Mann, auf dessen Rechnung der Zweite Weltkrieg mit mehr als 60 Millionen Toten und der Mord an Europas Juden gingen, tatsächlich so nennen?

Mommsen ging es nicht um Verharmlosung. Er wollte erforschen, welche Strukturen Hitlers Herrschaft ermöglicht und am Leben gehalten hatten, und er hatte erkannt, dass sich hinter der Dämonisierung eines Einzelnen auch immer eine moralische Entlastungsstrategie des Kollektivs verbarg. War Hitler ein Getriebener der Kräfte, die er selbst heraufbeschworen hatte? Hatte sich in ihm der Zeitgeist aus Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit, Revanchismus und Großmachtphantasmen auf fatale Weise verdichtet? Die These vom „schwachen Diktator“ wirkte wie eine Lupe auf ein bislang übersehenes Forschungsobjekt: das der deutschen Gesellschaft.

Die Frage nach der Herrschaftim Nationalsozialismus

Peter Longerich nun, 1955 geboren, also 25 Jahre nach Mommsen und folglich ohne persönliche Anschauung der NS-Diktatur, darf seinerseits als einer der renommiertesten Experten für den Holocaust, den Nationalsozialismus und seine Protagonisten gelten. Er hat Studien über die SA, über die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 sowie viel gelobte Biografien über Joseph Goebbels und Heinrich Himmler verfasst. Mit seiner mehr als tausendseitigen Hitler-Biografie stellt er sich jetzt nicht nur dem Vergleich mit den anderen großen Lebenserzählungen des Diktators aus der Hand von Joachim Fest (1973) und Ian Kershaw (2000) und der notorischen Frage, warum und ob wir wirklich noch ein dickes Buch über Adolf Hitler brauchen. Er versucht auch das Rätsel zu ergründen, das Mommsen umtrieb: Wie funktionierte diese Herrschaft? Betrachtet man das Literaturgebirge zu dieser Frage, so kann man sie auch 70 Jahre nach Hitlers Tod nicht eindeutig beantworten. Was Hitlers Herrschaftspraxis anbelangt, so kommt Longerich zu anderen Schlüssen als Mommsen. „Es gilt“, schreibt er, „sich endgültig von dem Bild eines Mannes zu verabschieden, der im Schatten seines eigenen Charismas gestanden, sich immer mehr von der Realität entfernt, ,die Dinge laufen gelassen’ und sich aus dem eigentlichen politischen Prozess weitgehend zurückgezogen hätte. Stattdessen wird die Autonomie des handelnden Politikers Hitler herausgearbeitet.“

Longerich beschreibt Hitler als einen omnipräsenten Diktator, der in jedem Bereich herumfuhrwerkte, ob es nun um die Kirchen ging oder um die Kultur, die Rüstung oder Ausbildungsfragen, den Sport oder die auswärtigen Beziehungen: „Durch seine Präsenz auf unterschiedlichen Politikfeldern war Hitler immer wieder in der Lage, komplexe und verfahrene Situationen durch überraschende ,Paukenschläge’ in seinem Sinne neu zu ordnen.“ Hitler gewissermaßen als die Spinne im Netz, als ein von rastloser Energie angetriebener Kontrollfreak und vor allem (wenn nicht allein) erklärbar durch das, was er tat.

Als Beispiel für seine oft überraschenden Volten und Winkelzüge auf verschiedenen Politikfeldern kann der Herbst 1933 gelten, als Hitler sich in Deutschland noch als neuer „Führer“ allenthalben feiern ließ und plötzlich unerwartet den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund erklärte. Mit der Brüskierung Frankreichs und Großbritanniens nach außen korrespondierte eine Solidarisierung nach innen: Beim mit den Reichstagswahlen verbundenen Plebiszit vom 12. November 1933 erzielte das Projekt nach offiziellen Angaben 95 Prozent der Stimmen. „Die überwältigende Zustimmung“, schreibt Longerich, „wurde durch das Regime als Krönung des nationalen Einigungswerks gefeiert.“

Beschrieben wird die Machtfülle Hitlers

Aus Longerichs Ansatz ergibt sich eine flüssige, weil eben handlungsorientierte Erzählhaltung. Darin unterscheidet sie sich von der vor allem stilistisch imposanten Biografie Joachim Fests, der Hitler immer auch in das Gesamtkonzert der abendländischen Überlieferung einbettete und dabei manchmal den Versuchungen des Metaphysischen erlag. Mit Ian Kershaw teilt Longerich zwar den nüchternen, an rhetorischem Prunk desinteressierten Stil, zielt aber weit weniger als dieser auf die Strukturen des Regimes als viel mehr auf die Machtfülle Hitlers.

Wie er, der verkrachte Bohemien aus der österreichischen Provinz, der verklemmte Kitschpostkartenmaler und Männerheimbewohner, zum Kriegstreiber und Totengräber Europas werden konnte: Dieses Mysterium bleibt freilich auch nach der Lektüre dieses wichtigen Buches offen. Es wird uns, wenn nicht alles trügt, über Generationen hinweg weiter beschäftigen.