Konzert im Tempodrom

Berliner Club-Veteranen treffen sich bei New Order

| Lesedauer: 7 Minuten
Patrick Goldstein
New Order - das ist nun die Band um Bernard Sumner, ohne Peter Hook

New Order - das ist nun die Band um Bernard Sumner, ohne Peter Hook

Foto: picture alliance / dpa

Das Berliner Konzert wurde eine Reise in 80er-Jahre und ein Treffen der New-Order-Auskenner. Im Publikum waren Westbam und Ralf Dörper.

Das Licht geht aus. Die Band erscheint, und ein nostalgischer Zuschauer Mitte 50 mit schwarzem Muscle-Shirt und Lederhalsband sagt in die Runde seine Freunde: „Okay. Und jetzt ist es wieder 1982“. Der Mann weiß gar nicht, wie recht er hat. Denn während seine Kumpels noch kichern, startet auf den fünf Projektionsflächen hinter der Band zu Auftakt-Stück „Singularity“ ein Zusammenschnitt in Höllentempo von Filmbildern des Vorwende-West-Berlins. Mauer, Blixa, Grenzsoldaten, Steine, Polizei, Tanz auf dem Kudamm und an jeder Straßenecke: Gewalt. Viele im Publikum schauen förmlich in die eigene Vergangenheit. Der Applaus danach kommt verzögert. Aber dann um so heftiger.

Das Berliner Konzert-Jahr wird an diesem Abend zur insgesamt runden Sache. 2015 begann mit Kraftwerk und endet mit New Order. Im Januar acht Abende in der Neuen Nationalgalerie mit den Düsseldorfer Fundament-Gießern der modernen Popmusik. Und im Tempodrom nun jene Band, die deutsche Elektronik aufgriff, um sie ganz respektlos mit Rock’n Roll und schwarzem Ghetto-Sound zu verkabeln. Aber die zum Quintett gewachsene Combo aus Manchester ist nicht gekommen, um Reviere abzustecken oder musikhistorisches Gewicht zu demonstrieren. New Order sind mit einem Guinness-Glas in der Hand aufgewachsen und erlebten im späten Grundschulalter ihren ersten Hangover. New Order wissen also, wie Party geht. Das muss sich in 35 Jahren ihres Bestehens herumgesprochen haben, denn ihr Konzert im Tempodrom ist ausverkauft.

Treffen der New-Order-Auskenner und Club-Vetranen

Die Band hat Renommee. Aber das Publikum ist auch nicht ohne. DJ Westbam, eben noch im Introfilm mit Haaren zu bewundern, ist da. Aus Düsseldorf ist Ralf Dörper gekommen, der mit Propaganda „Dr.Mabuse“ veröffentlichte. Veteranen aus den Clubs „Tresor“ und „E-Werk“ der Nach-Wende-Zeit zappeln schon vor Konzertbeginn zum Techno-Programm von Hobby-DJ Daniel Miller,Chef des Labels „Mute“. Der Mann, der Depeche Mode in die Welt brachte, legt keine Platten sondern Bretter auf. Kein Wunder, dass sich mancher an die 80er erinnert fühlte.

Nach der Bilderflut zum Auftakt – das Material stammt aus der jüngst veröffentlichten West-Berlin-Doku „B-Movie“ um New-Order-Intimus Mark Reeder, kommt Oldie „Ceremony“ mit jenem Bassriff, an dem sich damals jeder Gitarrenanfänger versuchte, dem „Stairway to heaven“ zu gestrig schien. Oder zu schwer.

Bei „Crystal“ zeigt sich, dass dies ein Treffen der New-Order-Auskenner ist. Der Hit von 2001 wird vom Publikum stramm durchgesungen. Die Band ist hörbar anwesend, viele Stücke werden geistreich aktualisiert, mal mit instrumentalen Gitarren-Passagen, mal mit einer partyorientierten, elektrifizierten Tanzbarmachung.

Visuelles Beiwerk im Vodergrund

Insgesamt treten die Fünf um Bernard Sumner jedoch elegant hinter dem visuellen Beiwerk zurück. Mal sind auf den Projektionsflächen passend zum Cover der aktuellen Platte „Music Conplete“ Linien und geometrische Formen in alle Himmelsrichtungen unterwegs. Dann torkelt LSD-Vielfraß Peter Fonda gut drauf und in 60er-Jahre-Technicolor über die Screens. Richtig berührend ist ein Zusammenschnitt aus dem Großleinwand-Projekt „The earth wins“ für New Orders Electro-Juwel „Your silent face“.

Die Fahrt beginnt im Meer, führt über verlassene Strände, zeigt in brillanter Kälte verspiegelte Hochhaustürme und endet mit einem Flugzeug, das den Mond anzusteuern scheint. So radikal, innovativ und kostspielig haben zuletzt nur Kraftwerk Bild und Ton live verbunden.

New Order ohne Peter Hook

Eine weitere, eher arbeitstechnische Parallele zu Kraftwerk ist die Verstärkung der Band durch Hilfsmusiker. Das sind keine Ron Woods oder Alan Wilders, die bei den Rolling Stones und Depeche Mode unentbehrlich scheinende Vorgänger kühn und mit frischen Ideen ersetzten. Die Neuen bei New Order geben dem Gesamtklang keine eigenen Impulse. Sollen sie auch gar nicht. Während aber Phil Cunningham seit 2001 an der halbakkustischen Gtarre öffentlich mal bratig in die Saiten schlägt oder eine dieser Ohrwurm-Melodien nachspielt, die New-Oder-Chef Bernard Sumner in den vergangen 40 Jahren auf Tonträger brachte, ist der Job von Bassist Tom Chapman seit 2011 ungleich schwerer. Er hat den Arbeitsplatz von Peter Hook geerbt.

Der war 2007 ausgestiegen. Ein Riesenverlust. Aus der Not, im brummeligen Bandsound unterzugehen hatte der trinkfeste Brachial-Basser als Teenager eine Tugend gemacht und für seine melodiösen Linien die hohen Töne des Instruments gewählt. Aufgepimpt mit dem Chorus-Effekt, der den Bass metallisch-industriell klingen lässt, zählt sein Spiel heute zu den besterkennbaren Sounds der Rockgeschichte.

Deshalb ist für Fans Sumner ohne Hook wie Lennon ohne McCartney, Hrubesch ohne Kaltz, oder – wie Sumner vermutlich sagen würde: Dick ohne Doof. Denn seit den 90er-Jahren hakte es zwischen Hook und ihm. Zu viele lange Nächte, schlechte Laune auf Tour und der Streit um die Finanzierung der legendären Disco Hacienda, die sich die Band leicht größenwahnsinnig ans Bein gebunden hatte und trotz hoher Schulden nicht abschütteln konnte. Scheidungsgrund also: künstlerische Differenzen. Die Manchester-Variante, jedenfalls.

Joy-Division-Stücke als Zugabe

Aber Chapman hat sich sichtlich an seine Rolle gewöhnt. Und er ist ein großer Faust-in-die-Luft-Strecker, wodurch er fast wie der bewährt jungenhaft charmante Gitarrist und Leadsänger Bernard Sumner im nu Hunderte von Zuschauer zum Mit-Recken motiviert. Das Gegenteil demonstriert Keyboarderin Gillian Gilbert. Verdeckt von ihrem Keyboard macht sie über den Tasten gleichmäßige Handbewegungen. Vielleicht bügelt sie aber auch nur.

Ihr Mann Stephen Morris rackert sich indes ab. Er spielt auf Bassdrum und Snare einen unkaputtbar geraden Beat nach Krautrock-Art, den er aber – wer hat’s erfunden? New Order! - mit flinken, variert gespielten 16tel-Noten auf seinen Blechen begleitet, was er sich von den Rythmusmachinen-Programmierern des amerikanischen Electro und HipHop abgehört hat. Manchmal verspielt er sich. Das tut dem Abend, bei dem die weiblichen Backgroundvocals vom Band kommen, ganz gut.

Die ersten beiden Zugaben „Atmosphere“ und „Love will tear us apart“ sind Stücke von Joy Division, der Vorgängerband von New Order. Ist der Jubel des Publikums hier möglicherweise etwas größer? Die Projektion des verstorbenen Sängers Ian Curtis sorgt jedenfalls für Jubel. Und zum Schluss gibt’s dann, na was wohl? Genau: „Blue Monday“. Das ganze New-Order-Konzept von Dance trifft Gitarren-Band griffig in einem Song ausdefiniert. Wer bereits tanzt, dreht jetzt noch ein letztes Mal auf. Wer bislang saß, erhebt sich. Denn nach „Blue Monday“ kann bei diesem Konzert nichts mehr folgen. Dann ist alles gesagt.