Kultur

Eine Insel auf West-Berliner Gebiet

Ein umgekehrtes Steinstücken: Der RBB erinnert an das Leben in Klein-Glienicke

Zu den Geschichten entlang der Berliner Mauer gehören abstruse Namen. In der RBB-Reihe „Geheimnisvolle Orte“ war vergangene Woche vom „Entenschnabel“ die Rede, einer Stichstraße in der Brandenburger Gemeinde Glienicke/Nordbahn, die in Berliner Gebiet hineinragte und sich aufgrund ihres kuriosen Verlaufs besonders gut für Tunnelfluchten eignete. Diese Woche nun geht es um einen Ort, den der Volksmund „Blinddarm der DDR“ getauft hat.

Die Rede ist vom bei Potsdam gelegenen Klein-Glienicke, das mit der Gemeinde im Landkreis Oberhavel nicht nur eine Namensähnlichkeit teilt. Auch hier wurde die absurde Seite des Kalten Krieges besonders sichtbar, weil sich die Mauer so merkwürdig verwinkelte. Um eine Enklave handelte es sich bei Klein-Glienicke zwar im strengen Sinne nicht, weil die angrenzenden Wasserflächen von Griebnitzsee und Glienicker Lake zum Territorium der DDR gehörten. Aber es war doch eine Insel auf West-Berliner Gebiet, drei Hektar groß und von allen Seiten von jenem Monstrum umschlossen, das die DDR-Nomenklatura den „antifaschistischen Schutzwall“ nannte. Ein umgekehrtes Steinstücken gewissermaßen, eine „Sondersicherheitszone“, die man nur mit Passierschein betreten durfte – oder eben als Anwohner. Babelsberg war nur über eine Brücke zu erreichen, und zu den traurigen Superlativen der deutschen Teilung zählt die engste Stelle der DDR, die ebenfalls hier zu finden war: 15 Meter von Mauer zu Mauer.

Filmemacher Jens Arndt hat sich für seine sehenswerte Dokumentation auf Suche in den Archiven gemacht und Aufnahmen gefunden, die das Alltagsleben in Klein-Glienicke nachfühlbar machen – das Ostereiersuchen und die Sommerfeste, das ganz normale Leben. Wertvoller noch machen aber seinen Film die Interviews mit Menschen, die dort damals lebten. Es ist verblüffend, wie weit entfernt, wie historisch eine Zeit wirken kann, die man doch zur allerjüngsten Geschichte rechnen muss.

Das hat sicher mit der seltsamen Implosion der DDR zu tun und damit, wie schnell und zum Teil restlos ihre Accessoires von der Bildfläche verschwanden. Heute erinnert im malerischen Klein-Glienicke wenig an das Grenzregime, das seine Bewohner einst drangsalierte. Schon die Aufnahme einfacher Familienfotos vor dem Haus geriet zum Problem, weil die Mauer nicht abgebildet werden durfte. Um Schwierigkeiten mit den Behörden zu vermeiden, wurden die Fotos dann oft am Urlaubsort oder anderswo entwickelt. Die Lehrerin Gitta Heinrich erzählt, ihr Hausarzt habe einen „Mauerkoller“ diagnostiziert – und berührt damit einen wichtigen Punkt. Wer sich von allen Seiten eingeschlossen sah, muss wohl am deutlichsten gespürt haben, dass es sich bei der DDR um ein Gefängnis handelte.

Leitern mussten angeschlossen werden, anderenfalls waren fünf Mark Strafe zu zahlen. Brigitte und Helmut Schimpfermann sahen mitsamt ihren beiden Kindern die Chance gekommen, als eines Nachts die Lichtanlagen an der Grenze ausfielen. In den Unterlagen der Staatssicherheit blieb ein Foto zurück, das die einsame Holzleiter an der Mauer zeigt. Nicht allen gelang ein solcher Abschiedsgruß: Christa Schmidt, damals Mitte 30, misslang ihr Fluchtversuch, ein Jahr Gefängnis für sie und vier Jahre für ihren Mann waren die Folge. Wer solche Geschichten hört und heutzutage keine Hochachtung gegenüber Flüchtlingen aufbringen kann, dem ist nicht zu helfen.

„Geheimnisvolle Orte: Klein-Glienicke“ RBB, Dienstag, 20.15 Uhr.

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