Electronic

Julia Holters hypnotische Lied-Kunst im Berghain

Ihre Musik ist das Gegenteil von Radiogedöns. Julia Holter verbindet Anspruch mit Tanzbarkeit - im Berghain genau das Richtige.

„Halloween haben wir in einem Bus verbracht“, sagt Julia Holter zwischen zwei Stücken. „Oder war’s in einem Flugzeug? Moment mal – hab ich mir das gerade ausgedacht? Wir waren doch für eine Minute in Finnland.“ Und auch wenn man wohl einfach so denkt, wenn man zu lang auf Konzerttour war, hat es viel zu tun mit der Musik von Julia Holter. Sie ist poetisch, aber nicht Marke Blümchenduft. Sie ist sprunghaft und sperrig, zugleich reflektiert. Und sie ist bei all dem sehr elegant.

Julia Holter, man kann es nicht oft genug sagen, ist eine Entdeckung im emphatischen Sinn. Die 30-Jährige aus L.A. hat gerade ihr viertes Album in vier Jahren veröffentlicht, Seitenprojekte nicht mitgerechnet. „Have You in My Wilderness“ ist das erste, das keinem Konzept folgt. Und unter Konzept darf man bei Holter durchaus mal verstehen, dass sie Frank O’Hara oder Virginia Woolf vertont, Songs um eine weniger bekannten Tragödie von Euripides baut oder einem Broadway Musical aus den 50er Jahren nachgeht.

Julia Holter ist klassisch ausgebildete Pianistin. Man findet genau so viel Avantgarde in ihrer Musik wie Pop-Appeal. Das Verblüffende ist, wie sie diese musikalischen Welten vor allem live zu einem Kosmos verschmilzt, der nichts zu tun hat mit der Zitatenhölle der Postmoderne. Bei aller Aufladung mit Referenzen, allem Kunstwillen, macht sie großartige, theatralische, zarte, mitsummbare Musik. Mit Pathos, ja, aber einem tiefem, abgelöscht mit Handwerk und Wissen.

Ganz ohne Showgehabe

So eine Verbindung von Anspruch und Tanzbarkeit ist im Berghain, dieser wüsten Kathedrale, genau richtig. Holter strahlt eine lockere Chefin-Schönheit aus, wie sie hinter ihrem roten Keyboard steht, das mal Flügel, mal E-Piano, mal Cembalo ersetzt. Der Sound im Club hat Studioqualität. Ihre Band ist fantastisch. Dina Maccabee holt aus der verstärkten Viola alles heraus, vom lyrischen Solo zum schabenden Lärm. Devin Hoff tanzt um seinen fünfsaitigen Standbass und headbangt beim Spielen. Am Schlagzeug sitzt Corey Fogel in so was wie einer langen Leoparden-Unterhose. Immer wenn ein Stück droht, zu sehr nach Cinemascope zu klingen, macht er irgendwas, das purer Zufall sein könnte, und alles ist wieder gut.

Manchmal gibt es lange Pausen zwischen den Stücken. Dann wird die Viola gestimmt oder ein spezieller Schlagzeugklöppel gesucht. Das wird nicht mit Showgehabe überspielt. Da muss das Publikum halt durch. Und wenn Holter mal eine lustig-verpeilte Ansage macht ist sie mit dem ersten Ton des nächsten Stücks wieder voll da. „Lucette Stranded on the Island” etwa startet mit langen, gehaltenen Gesangstönen, schraubt sich in immer energetischere Wiederholungen. „He lights his cigarette with nothing”, singt Holter, “not a smile or memory”. So was kann auch nicht jeder texten.

Musik aus Brüchen und Aufrauungen

Die Arrangements, die Holter ihren mal innerlichen, mal opernhaft-szenischen Songs gibt, sind das Gegenteil von Radiogedöns. Sie machen immer, was man gerade nicht erwartet – nicht destruktiv, sondern organisch. Aus den Brüchen, den Aufrauungen entsteht diese Musik erst. Das lässt manchmal an die frühen Genesis denken, aber ohne deren nervige LSD-Unterfütterung. Dann huscht mal kurz Kate Bush durchs Bild. Auch bei Holter gibt es vielteilige Suiten, wo Stile und Stimmungen hart gegeneinander geschnitten werden. Manche Stücke klingen wie Motetten, andere wie Puccini fürs Post-Rock-Zeitalter. Doch nichts davon trifft Holters hypnotische Lied-Kunst. Die löst sich einfach nicht in Beschreibungen auf.

“How long” habe sie in Berlin geschrieben, sagt Holter. Sie möge es hier, alle seien von woanders – fast wie in den USA. Trotzdem fühle sie sich manchmal, egal wo, wie ein schräger Außerirdischer. Und dann kann man erleben, wie Julia Holter aus der scheinbar simplen Sachlage, nicht zu wissen, wie man in einem anderen Land um eine Zigarette bittet, ein Lied entstehen lässt, das ganz existentiell vom Fremdsein in der Welt berichtet: „Do you know the proper way to ask for a cigarette? / I’m asking before winter comes. / She said: All the people run from the horizon.“ Vor dem Berghain ist es dunkel und auf undefinierte Weise nass. Der Winter, scheint es, ist fast schon da. Zeit, mehr Julia Holter zu hören.