Ausstellung

Popgeschichte in Analogfotos - Anton Corbijn im C/O Berlin

Zum 60. Geburtstag von Anton Corbijn bespielt das C/O Berlin erstmals das ganze Haus - mit 500 Fotos von Miles Davis bis U2.

Anton Corbijn bekommt zum 60.Geburtstag eine große Retrospektive

Anton Corbijn bekommt zum 60.Geburtstag eine große Retrospektive

Foto: Picture Alliance/David Mareuil

Zuerst sieht man die Augen: argwöhnisch. Als hätte man eben eine verdammt merkwürdige Frage gestellt. Ob es möglich sei, mit einem Jazzstück dem Weltfrieden näherzukommen. Oder ob der Jazzmeister Miles Davis für ein Foto bitte einmal das Gesicht mit seinen Händen zerknautschen könnte. Letztere Frage hat Anton Corbijn tatsächlich gestellt. Für Davis war er damals ein unbekannter Fotograf von irgendeinem Musikmagazin, sechs Minuten wurden ihm für das Shooting gewährt.

In der Retrospektive, die C/O Berlin zum 60. Geburtstag von Anton Corbijn zeigt, kann man das Miles-Davis-Bild gleich zweimal sehen. Der überlebensgroße Ausschnitt, aufgezogen auf einer Wand, die den Weg zur Ausstellung weist, steht als Sinnbild des hier ausgestellten Lebenswerks. Die Vergrößerung zeigt die Pupillen des Jazzers, tellergroß, in ihnen spiegelt sich Corbijns Silhouette. Ein Bild, das gleichzeitig Porträt und Selbstporträt ist, es zeigt den Meister in seiner Ikone.

Corbijn ist Autodidakt, in seiner Arbeit sucht er das Abenteuer

Anton Corbijn wurde 1955 im niederländischen Strijen geboren, mit 19 Jahren schießt er seine ersten professionellen Fotos. Auf einem kleinen Festival macht er Bilder einer Band, die er dann an ein Magazin schickt. Sie werden abgedruckt, Corbijn weiß nun, was er werden will. Seine Karriere beginnt in London, dort arbeitet er für das Musikmagazin "NME", hier lernt er Bands kennen, von denen später einige sagen werden, er sei für sie wie ein weiteres Mitglied geworden. Corbijn ist Autodidakt, in seiner Arbeit sucht er das Abenteuer. Dem Digitalismus verweigert er sich strikt, er fotografiert ausschließlich analog. Ein Ansatz, der zwar retro, aber nie wirklich aus der Mode gekommen ist. Wahrscheinlich weil nur die auf Film gebannten Bilder wahrhaftig einen einzigartigen Moment konservieren können.

Noch beschäftigt mit den Fragen, die Miles Davis einem aufgegeben hat, biegt man um die Ecke und sieht eine verschwommene Figur am Ende einer kurvigen Straße. Der Moment ist so nahbar, als stünde man selbst auf dieser "long and windy road", spaziere geradewegs in selbiges Beatles-Stück hinein. Dabei ist der Mann auf dem Bild gar kein Beatle, sondern ein schummriger Peter Gabriel. Jede Ausstellung von Anton Corbijn ist eine Liebeserklärung an die Analogfotografie und ein Lehrstück in Musikgeschichte.

Spiel mit den Stilisierungen der Popkultur

Der Jubilar ist nicht der Typ für Prunk und Protz. Deshalb belässt C/O Berlin die Räume auch für die feierliche Geburtstagsschau betont kühl. Umso mehr Fotografien hängen eng aufeinander, in 40 Jahren Schaffen kommt so einiges zusammen. Im Gegensatz zu anderen Fotografen, die ihr Lebenswerk kuratieren, hat sich Corbijn noch nicht zur Ruhe gesetzt. Er arbeitet stetig weiter, sein Werk ist längst nicht vollständig, auch wenn er jetzt verstärkt Filme dreht. Das wahre Leben von Corbijns Bildern liegt in deren Imperfektion. Mit aufgesetztem Glamour kann er nichts anfangen. Verschwenderische Schampus-Jetsset-Partys sind nicht seine Motive: "Ich habe immer nach der inneren Schönheit und innerem Kampf gesucht."

Gegensätzlich zu Corbijns entglamourisierter Herangehensweise sind diejenigen, die er am liebsten ablichtet – Rockstars, die inszenierte Figuren und Images verkörpern. Corbijn spielt mit diesen Stilisierungen der Popkultur. Oder er dekonstruiert die vorgeprägten Images. Zu sehen am wilden Pavarotti, den Corbijn so fotografiert, dass man sich den verhältnismäßig uncoolen Opernstar bestens in der Rolle des "Shining"-Protagonisten Jack Torrance vorstellen kann. Slashs Vorhangfrisur oder die vier roboterhaften Porträts der "Kraftwerk"-Musiker sind dagegen ganz im Sinne der jeweils vorgegebenen Ästhetik.

Kein Freund von Studioaufnahmen

"Deep Holland" nennt Corbijn den Teil der Ausstellung, in der er uns einen Überblick über sein Schaffen gibt. In seinen Selbstporträts posiert er in der Rolle derer, die ihn inspiriert haben. In seiner Hommage an Janis Joplin trägt er Wallemähne und Hippieketten und schaut durch rot-runde Hippiegläser. Mehr Hippiegefühl wäre auch 1968 nicht zu transportieren gewesen, ganz verträumt lächelt Janis Corbijn in der südholländischen Provinz. Es ist ein köstlicher Spaß und verdeutlicht, dass Corbijn ein Mann mit wunderbarem Humor sein muss. Auch als John Lennon oder Jimi Hendrix inszeniert er sich. Elvis Corbijn steht im Dreck, die Stiefel sind geleckt weiß, neben ihm schrottige Container. Den lilafarbenen Mustang, der auf einem der Container steht, entdeckt man erst auf den zweiten Blick.

Corbijn ist kein Freund von Studioaufnahmen, das legendäre Miles-Davis-Foto ist also eines der untypischeren. Wegen Zeitmangel musste er damals in einem Hotelzimmer fotografieren. Normalerweise geht er mit seinen Protagonisten nach draußen – wo Licht und Schatten natürlich entstehen, wirken Aufnahmen umso authentischer. Der Zufall, auf Corbijns Bildern grobkörnig, verschwommen oder verwaschen, bringt den "Raw-Faktor". Nick Cave hatte für das Shooting zu seinem Album "The Boatman's Call" Studioaufnahmen angeordnet, es sei "zu kalt, zu windig, zu nass gewesen", und Cave sorgte sich um Outfit und Frisur. Corbijn jagte ihn schließlich doch noch raus ins ungemütliche englische Wetter. Aus dieser Situation macht der Niederländer ein spontanes Foto, das man nicht besser hätte inszenieren können. Cave steht vor einer Klinkerwand, er schaut nach rechts oben, ein Teil seines weißen Kragens nimmt die Linie seines Blicks nach links unten auf. Es wird das Cover des Albums.

"1-2-3-4" nennt sich die Ausstellung, die sich ausschließlich seiner Musikfotografie widmet. Porträts und ganze Band-Studien entfalten sich hier. Nicht nur die Motive, auch die Zusammenstellungen der Bilder offenbaren Brüche, spielen mit Klischees. Da hängt Bruce Springsteen, Boss der amerikanischen Arbeiter und trotz demokratischer Gesinnung verehrtes Sinnbild des amerikanischen Traums, neben dem Antichristen Marilyn Manson. Corbijns Band-Fotografien faszinieren wegen ihres Überraschungseffekts.

Die Wand mit den Rolling Stones erzählt die meisten Geschichten

Die Orangenschalen in den Mündern von REM oder das Wandgemälde eines Hirschen, neben dem die Bee-Gees posieren. Allein durch Lars Ulrichs Gesten (protzig, prollig, patzig) lässt sich auf den Band-Porträts die gesamte Metallica-Geschichte nacherzählen. Die Rolling-Stones-Wand zählt wohl die meisten Bilder. Es ist nicht möglich, das gelungenste auszuwählen. Der Abzug, auf dem Mick Jagger Königin Elisabeth mimt, kommt aber ganz sicher in die engere Auswahl.

C/O Berlin, Hardenbergstr. 22–24. Eröffnung, Freitag, 19 Uhr. Täglich 11–20 Uhr. Bis 30. Januar

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.