Kultur

Dornröschen mit Militärtanztechnik

| Lesedauer: 3 Minuten
Elena Philipp

Mit „Open Spaces“ bündelt die Tanzfabrik Trends der freien Tanzszene

Der Tanz und die Nachbarkünste: ein heißes Thema, nicht erst seit der Ausstellung des Künstlers und vormaligen Choreographen Tino Sehgal im Martin-Gropius-Bau. Auch die Tanzfabrik, einer von Berlins ältesten Orten für den zeitgenössischen Tanz, zieht Anfang November Verbindungslinien von der choreographischen zur bildenden Kunst. Unter dem Titel „Open Spaces“ bündelt die Tanzfabrik in den Uferstudios dann zum dritten Mal in diesem Jahr aktuelle Entwicklungen der lokalen wie internationalen Tanzszene.

Julian Weber montiert bei der einwöchigen Herbstausgabe mit seinen Co-Tänzern fragile Objekte – und lässt sie slapstickhaft wieder kollabieren. Mit grenzüberschreitenden Arbeiten wie „Constructing Ruins“ ist der 29-Jährige seit seiner Ausbildung am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HZT) in der hiesigen Szene präsent. Ein Eigengewächs. Anreisen wird Philipp Gehmacher, im Vergleich zu Weber ein Urgestein des zeitgenössischen Tanzes. Er widmet sich in seiner Performance den Nuancen der Farbe Grau und erforscht körperlich einen skulpturalen Zwischenraum, Gesten und Worte intuitiv entwickelnd. Aline Landreau wiederum performt in dichtem Nebel, ihr Körper entzieht sich den Blicken, die Wahrnehmung verschwimmt – „BLUR!“ feiert die theatral-installative Behauptung. Neben derartigen Bezügen zwischen Tanz und Skulptur setzt Ludger Orlok, seit 2007 Künstlerischer Leiter der Tanzfabrik, in seinem kuratorischen Konzept für „Open Spaces“ auch auf unterschiedliche Formen der Begegnung zwischen Zuschauern und Künstlern. Bei Landreau wird diese Begegnung immer wieder aufgeschoben. Christina Ciupke, Nik Haffner und Mart Kangro hingegen bewegen sich in ihrem choreographierten Gesprächsformat „New Work“ mit den Zuschauern durch den Raum. Felix M. Ott und Dmitry Paranyushkin arbeiten im klassischen Theatersetting – hier Bühne, dort Zuschauer. Sie befassen sich mit der russischen Militärkampftechnik Systema und übersetzen kämpfen als Anpassungsfähigkeit, nicht Zerstörungskraft, in Tanz. Hören statt Zusehen steht bei Kareth Schaffer im Fokus, sie synchronisiert Choreographie und Geräusche wie sie beim Film in der Postproduktion den Bildern beigegeben werden. Hier Film, dort Therapie als Bezugspunkt: Shannon Cooney arbeitet mit Methoden aus der Cranio-Sacral-Therapie. Eine auf den Rhythmus der Gehirnflüssigkeit abgestimmte Wiegebewegung soll in ihrer Licht- und Toninstallation einen pulsierenden Raum erzeugen. Und, erstaunlich klassisch anmutend: Madalina Dan und Sergiu Matis thematisieren anhand des Balletts „Dornröschen“ Trainingsfrust und prekäre soziale Stellung professioneller Tänzer.

Ein Programm mit acht Premieren – ein die Aufmerksamkeit steigerndes Minifestival. Möglich machen das EU-Fördergelder, die der Tanzfabrik für fünf Jahre eine stärkere inhaltliche Fokussierung erlaubten. Die Förderung läuft mit diesem Jahr aus und Ludger Orlok hofft nun auf die Überarbeitung des Senatsfördersystems für die Freie Szene 2018. Vielleicht bietet sie der Tanzfabrik endlich einen finanziell gesicherten Status als choreographisches Zentrum, wie es sie in anderen Bundesländern längst gibt. 1978 gegründet, ist die Tanzfabrik seit Jahrzehnten als Produktions-, Lehr- und Forschungsort etabliert. Seit 2008 ist sie nicht mehr nur im Kreuzberger Mutterhaus ansässig, wo das Kursprogramm für Laien- wie Profitänzer angeboten wird, sondern auch in den Weddinger Uferstudios. Dort baut die Tanzfabrik auf Vernetzung zu den Studierenden und gastierenden Künstlern. Internationalisierung, Verjüngung und eine direkte Szeneanbindung sind die Folge – oder ein dichtesBühnenprogramm wie „Open Spaces 2015#3“.

Open Spaces in den Uferstudios, Uferstr. 23 vom 4. – 11. November