Kultur

Unscheinbar zum Erfolg

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Elisa von Hof

400.000 Mal hat sich Philipp Dittberners „Wolke 4“ verkauft. Ein Treffen vor seinen Konzerten

Nachts um 2.33 Uhr greift er zur Gitarre. Es ist die Zeit, die ihn am meisten inspiriert, sagt er. Dann schnappt er sich Stift und Papier und beginnt zu texten. Seit er zwölf Jahre alt ist, schreibt er Songs. Doch als er dieses eine Lied in seinem Wohnzimmer aufnimmt, hat er keine Ahnung, dass es, so pathetisch muss man das jetzt mal sagen, sein Leben verändern wird.

Dabei hat Philipp Dittberner sonst sehr klare Vorstellungen von allem. Darüber, was er singt und welche Wirkung ein Song am Ende haben soll. Dittberner beobachtet seine Welt genau, er reflektiert und ordnet sie in seinen Songs. Aber nicht alles kann man planen. Mit dem Erfolg von „Wolke 4“ hat der 25-Jährige nicht gerechnet. Wer könne schon erwarten, seinen im Wohnzimmer produzierten Song plötzlich über 400.000 Mal zu verkaufen. „Es fühlt sich immer noch surreal an, was mir da in diesem Jahr passiert ist“, sagt er. Zeit, um zu reflektieren, wie sonst, die hatte er bisher nicht. Dittberner gibt seinen Job als Physiotherapeut auf, um als Vollzeitmusiker zu arbeiten. „Damals war noch unklar, wie es weiterläuft, aber ich hab’ mir gesagt: Es ist mir egal. Ich probiere das jetzt“, sagt er. Vom Wohnzimmer auf die Bühne. Er produziert ein eigenes Album und geht zum ersten Mal auf Tour. Jeden Abend spielt er jetzt an einem anderen Ort. In seiner Heimat Berlin wegen der großen Nachfrage gleich zweimal in dieser Woche.

Er sieht nicht aus wie ein typischer Popstar

Aus gepackten Koffern leben, jeden Abend auf der Bühne stehen, kaum Zeit für sich, sondern nur Zeit für den Tourbus, das ist ungewohnt. Es fällt ihm nicht leicht. Er bekommt Gänsehaut, wenn das Publikum den Refrain von „Wolke 4“ mitsingt. Aber ihm fehlen Freunde und Familie. „Ich bin sehr heimisch und war noch nie der fernwehsuchende Mensch. Ich wusste immer, wo ich hingehöre und hab’ mich da auch wiedergefunden“, sagt er. Dittberner trägt Kapuzenpulli und einen dicken Schal unter dem Dreitagebart. Er sieht nicht aus wie ein typischer Popstar, eher wie der nette Typ aus der WG nebenan. Er wächst in Schöneberg auf. In seinem Kiez kennt er viele Freunde bereits seit seiner Kindheit. „Ich hoffe, ich bleibe der gleiche, witzige Typ wie früher“, sagt er und grinst.

Trotz des märchenhaften Aufstiegs sieht Dittberner sich selbst als einen Realisten. Lieber klare Vorstellungen statt Illusionen. „Ich bin nicht der Größte, ich bin nicht der Beste, ich bin nur der, der dich versteht“, singt er auf seiner neuen Platte. Benannt nach seiner Lieblingsuhrzeit 2.33, kommt die dennoch eher poetisch daher, nicht so pragmatisch wie „Wolke 4“. Das Lied entsteht in Zusammenarbeit mit dem Hannoveraner DJ Marv, der Dittberners Wohnzimmersongs auf der Musikplattform SoundCloud entdeckt. Die beiden komponieren ein Lied, ohne sich jemals persönlich begegnet zu sein. Heraus kommt „Wolke 4“, eine Mischung aus Elektrobeats und Singer-Songwriter-Melodie. Das trifft den Zeitgeist, der ja aktuell von elektronisch angereicherten Popsongs dominiert wird. Manchmal reicht eben auch eine Wolke 4 statt Wolke 7, singt Dittberner in seinem Song. Manchmal ist es schöner, einfach nicht allein zu sein, statt einsam auf die große Liebe zu warten. „Lieber Wolke 4 mit dir, als unten wieder ganz allein“, heißt es. In der Popmusikwelt, wo selten ein Thema so heroisiert und aufgeblasen wird wie die Liebe, ist das ungewohnt fürs Ohr. Dittberner singt, was viele denken, aber nicht sagen wollen. Das kommt aber nicht bei allen gut an. „Ich habe viel einstecken müssen, weil ich ,Wolke 4’ geschrieben hab. Dabei ist das ganz situativ aufgeschrieben und nicht meine Lebenseinstellung“, sagt der Berliner. Freundinnen von Dittberner fühlen sich auf den Schlips getreten. Sogar Psychologen rufen ihn an und wollen ihn wieder für die „echte Liebe“ begeistern. Aber Dittberner zeigt sich davon unbeeindruckt.

Er sucht sich ein kleines Label, er findet es in Groenland Records, der Plattenfirma Herbert Grönemeyers. Mit den Deutschpopkünstlern BOY, Gloria und Philipp Poisel sind hier musikalisch Gleichgesinnte unter Vertrag. Die Ähnlichkeiten im Sound sind unüberhörbar. Auf Dittberners Soloplatte finden sich Gitarren- und Klavierklänge, mehr Indie- und Singer-Songwriter-Melodien.

„Letztendlich weiß ich, was in der Pause dann wieder passiert“

Das neue Album soll sich anders anhören als „Wolke 4“. Nicht so elektronisch, nicht ganz so beatlastig, nicht so tanzbar. „Das ist jetzt halt Philipp Dittberner und keine Kooperation mit einem DJ. Das war mir wichtig, weil der Sound jetzt zeitloser ist“, sagt er. Einige Bekannte halten es zwar für dumm, musikalisch einen anderen Weg einzuschlagen. Aber Dittberner lässt sich nicht reinreden. Sein erstes Soloalbum ist nachdenklicher als „Wolke 4“. „Die Musik heute dudelt so an uns vorbei, da geht der eigentliche Sinn verloren. Ich finde es schön, wenn man dem Hörer etwas zum Nachdenken gibt und die Chance, die Musik selbst zu interpretieren“, sagt er. Etwas kratzig, aber sanft singt er über Freundschaft, erste Lieben, Erwachsenwerden. Themen, die weder neu noch unerzählt sind, sondern von jedem verstanden können. Dittberner reflektiert sie auf seine Art.

Nach seiner Tour stehen noch ein paar Nominierungen an. Zum Beispiel für die 1Live Krone. Danach will er abschalten, Urlaub machen und mal realisieren, was er in diesem Jahr geschafft hat. Das war ganz schön viel: Mit 36 Liedern geht Dittberner in die Albumproduktion, 12 nimmt er für die Platte auf. „Letztendlich weiß ich natürlich, was in der Pause dann wieder passiert. Dass ich abends doch dasitze und Lieder schreibe“, sagt er. Gut, dass seine Nachbarn die Nachtmusik nicht stört. Im Gegenteil, meint Dittberner, die seien froh über die Privatkonzerte. Manchmal kann ein privates Nachtlied ja auch zum Platinsong werden.

Philipp Dittberner & Band heute und morgen 20:00 Uhr im Lido , Cuvrystr. 7.