Kultur

Performance mit Down Syndrom

Inklusives Theater liegt im Trend: Bei No Limits ist das gleich auf mehreren Bühnen zu sehen

Macht gehört zu den merkwürdigsten Angelegenheiten im Theaterbetrieb. Alle reden von künstlerischer Freiheit, von Kreativprozessen und Teamarbeit. Aber wenn es hart auf hart kommt, greift die Hierarchie – und da steht der Regisseur ganz oben. Vielleicht liegt es an dieser Hierarchie, dass es einem so schwer fällt, sich Regisseure mit einer Behinderung vorzustellen. Jahrzehntelang hatte man behinderte Menschen in erster Linie als „Sorgenkind“ wahrgenommen, wie die „Aktion Mensch“ früher hieß. Und jetzt plötzlich: Regie?

In diesem Jahr wagt No Limits die These: Auch Künstler mit körperlicher oder geistiger Behinderung können Regie. No Limits ist das wichtigste inklusive Festival im deutschsprachigen Raum. Vom 5. bis zum 15. November zeigt es zwischen HAU und Ballhaus Ost, Theater Thikwa und Kulturbrauerei, was gerade möglich ist in der Zusammenarbeit von behinderten und nicht behinderten Theatermachern. So choreografiert der studierte Philosoph Michael Turinsky in „my body, your pleasure“ die Bewegungen seines spastischen Körpers seinen nicht behinderten Tänzern auf den Leib. Julia Häusermann wiederum antwortet in kurzen Choreografien auf zehn Fragen zum Thema Tanz. Häusermann ist ein Star, seit sie 2013 beim Berliner Theatertreffen mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet wurde – als erste Schauspielerin mit Down Syndrom.

Oft treffen in den Arbeiten, die das Festival zeigt, behinderte und nicht behinderte Künstler einigermaßen gleichberechtigt aufeinander. Denn das meint Inklusion im Theater ja: wenn behinderte mit nicht behinderten Künstlern am gemeinsamen Ziel arbeitet – jeder mit seinen Qualitäten. Wie in „Subway to Heaven“, ein herrlich versponnener Abend, in dem Martin Clausen, ein bekannter Namen in Berlins freier Szene, und Torsten Holzapfel vom Theater Thikwa lässig zwischen biografischen Miniaturen und großen Utopien pendeln.

Das Theater Thikwa und das Theater RambaZamba, Berlins große Institutionen, wenn es um Theater mit behinderten Schauspielern geht, waren seit Beginn des Festivals 2005 bei No Limits dabei. Als sie sich vor 25 Jahren gründeten, mussten sie noch hartnäckig gegen das Vorurteil ankämpfen, sie würden Therapie machen. Lange fand ihr Theater in einer Nische statt. Christoph Schlingensief war vermutlich der Erste, der geistig behinderte Darsteller wie Mario Garzaner oder Kerstin Grassmann auf die Staats- und Stadttheaterbühne holte. Damals galten selbst körperbehinderte Schauspieler noch als „nicht rezensierbar“, wie der Kritiker Gerhard Stadelmaier über den im Rollstuhl sitzenden Schauspieler Peter Radtke urteilte.

Seitdem arbeiten immer mehr Theatermacher mit geistig behinderten Schauspielern – so inszenierte Frank Abt 2013 „Stallerhof“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit der Thikwa-Schauspielerin Mereika Schulz. Mittlerweile gibt es am Staatstheater Darmstadt das erste Ensemble, dem zwei körperbehinderte Schauspieler angehören: Samuel Koch, der 2010 bei „Wetten dass..?“ verunglückte, und Jana Zöll sitzen beide im Rollstuhl. Seit die Wahrnehmung von inklusiven Arbeiten gestiegen ist, interessieren sich immer mehr Künstler für eine Zusammenarbeit mit behinderten Kollegen. An dieser Entwicklung hat No Limits einen entscheidenden Anteil.

Spielorte: no-limits-festival.de.