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„Freiheit ist neu für mich“

Der chinesische Künstler Ai Weiwei beginnt seine Gastprofessur an der Universität der Künste

Von Weitem sah es chaotischer aus, als es dann war: Eine große Menschenmenge drängelte sich im goldenen Licht des frühen Sonntagabends vor dem Konzertsaal der Universität der Künste (UdK), um ihn zu hören: den chinesischen Künstler Ai Weiwei.

Es ist Ai Weiweis zweiter Großauftritt in Berlin

Er sollte seine Antrittsvorlesung halten und damit einen Eindruck davon geben, mit welchem Ansatz er die nächsten drei Jahre als Einstein-Gastprofessor junge Kunstschaffende ausbilden wird. Natürlich sprach er nicht nur vor seinen 16 Studierenden, sondern – bei freiem Eintritt – vor seinen zahlreichen Berliner Fans. Die hatten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, schließlich war dies erst Ai Weiweis zweiter öffentlicher Großauftritt in Berlin. Die Stimmung war so aufgeräumt und entspannt, als sei das hier die richtigste aller möglichen Veranstaltungen heute.

„KUNST (lehren)“ lautete der Titel der Vorlesung, die eher eine Podiumsdiskussion war, und ließ damit genügend Spielraum für das schwierige Thema Kunst-Lehre im Spannungsfeld von Politik, Ethik, Markt und ästhetischem Schabernack.

Aus 100 Bewerbern hatte Ai Weiwei in persönlichen Gesprächen 16 ausgewählt, junge Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen. Aussortiert habe er diejenigen, die von ihm hätten wissen wollen, wie denn bitte der Kunstmarkt funktioniere, auf dem er doch so erfolgreich sei. „Glauben Sie es oder nicht: Ich verstehe nichts vom Markt.“ Eher schon vom Berliner Flohmarkt, witzelt er später. Fundstücke, Treibgut menschlichen Alltags sind seine Rohstoffe. Auf dem Podium fragte ihn sein künftiges Kollegium sanft, wie er denn konkret mit seinen Schülern arbeiten wolle. Nun, meinte Ai Weiwei, er sei es ja gewohnt, mit verschiedensten Materialien wie Beton, Backstein und Schlamm tragbare Gebäude zu errichten. So sei es auch, wenn man mit unterschiedlichen Menschen etwas aufzuziehen beabsichtige. Die UdK-Professoren Anna Anders (Video), Thomas Düllo (Kulturwissenschaft), Karlheinz Lüdeking (Kunst) und Nik Haffner (Tanz) hatten für Ai Weiwei fast liebevoll „sechs Stationen“ vorbereitet, Bilder wurden eingeblendet, um Ai Weiwei zum Erzählen zu bringen, über seine künstlerischen Prägungen. Oft gab es sogar einen Berlin-Bezug, etwa wenn er zu einem Foto vom Flohmarkt assoziierte oder zu seinem Verhältnis zum Berliner Backstein befragt wurde.

So blieb einiges an diesem Abend im Metaphorischen, und über allem schwebte die Bezeichnung seiner Klasse als Variante des Filmklassikers „Ocean’s 11“. Ai Weiwei zuckte mit den Schultern: Man brauche eben Metaphern, wenn man etwas erschaffen wolle. Zumindest ist das der Weg in einer Diktatur – aber das blieb an diesem Abend unausgesprochen. Dass er vor Hunderten seine Pläne ausbreiten dürfe, sei neu für ihn, sagte er. An diese Freiheit, das betonte Ai Weiwei immer wieder, müsse er sich erst noch gewöhnen.

Seit August lebt der 58-Jährige nun schon in Berlin bei seiner Partnerin und seinem Sohn, den er ganz oft mitnimmt, denn die beiden hatten sich ja lange nicht sehen können. Neben seiner Professur bereitet er seine Ausstellung in Melbourne vor. Allerdings verweigerte ihm Lego die Lieferung der bunten Steine für seine Porträts, ausgerechnet mit dem Hinweis, man unterstütze keine politischen Statements. Vor dem Gropius-Bau steht nun ein Auto: Jeder, der möchte, darf Legos einwerfen. Kunstsponsoring für Ai Weiwei.

Schon seit 2011 hatte er das Angebot für die Professur

Finanziert wird seine Gastprofessur übrigens von der Einstein-Stiftung, die internationale, forschungsübergreifende Projekte fördert. Während seiner Inhaftierung 2011 hatte Berlin dem Chinesen die Gastprofessur angeboten, und sie wurde, über „viele Kanäle“, auch über die Jahre aufrechterhalten. Die Idee, nach Berlin zu kommen und dort zu unterrichten, habe ihm während der Haft auch Kraft gegeben. Doch nach seiner Entlassung verweigerten ihm die chinesischen Behörden den Pass, und so konnte er nicht einmal zur Eröffnung seiner Retrospektive im Martin-Gropius-Bau im vergangenen Jahr reisen.