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Performance mit Down Syndrom

Inklusives Theater liegt im Trend: Beim aktuellen Festival No Limits ist das gleich auf mehreren Berliner Bühnen zu sehen.

Mit vollem Einsatz: „Eins, zwei, drei“ von der britischen Performertruppe „Snooks Brother's Bank“, zu sehen am 11. November im Theater RambaZamba

Mit vollem Einsatz: „Eins, zwei, drei“ von der britischen Performertruppe „Snooks Brother's Bank“, zu sehen am 11. November im Theater RambaZamba

Foto: Jorge Lizalde

Macht gehört zu den merkwürdigsten Angelegenheiten im Theaterbetrieb. Alle reden von künstlerischer Freiheit, von Kreativprozessen und Teamarbeit. Aber wenn es hart auf hart kommt, greift die Hierarchie – und da steht der Regisseur ganz oben. Vielleicht liegt es an dieser Hierarchie, dass es einem so schwer fällt, sich Regisseure mit einer Behinderung vorzustellen. Jahrzehntelang hatte man behinderte Menschen in erster Linie als "Sorgenkind" wahrgenommen, wie die "Aktion Mensch" früher hieß. Und jetzt plötzlich: Regie?

Lange galt das Vorurteil, sie würden Therapie machen

In diesem Jahr wagt No Limits die These: Auch Künstler mit körperlicher oder geistiger Behinderung können Regie. No Limits ist das wichtigste inklusive Festival im deutschsprachigen Raum. Vom 5. bis zum 15. November zeigt es zwischen HAU und Ballhaus Ost, Theater Thikwa und Kulturbrauerei, was gerade möglich ist in der Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Theatermachern. So choreographiert der studierte Philosoph Michael Turinsky in "my body, your pleasure" die Bewegungen seines spastischen Körpers seinen nichtbehinderten Tänzern auf den Leib. Julia Häusermann wiederum antwortet in kurzen Choreographien auf zehn Fragen zum Thema Tanz. Häusermann ist ein Star, seit sie 2013 beim Berliner Theatertreffen mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet wurde – als erste Schauspielerin mit Down Syndrom.

Oft treffen in den Arbeiten, die das Festival zeigt, behinderte und nichtbehinderte Künstler einigermaßen gleichberechtigt aufeinander. Denn das meint "Inklusion" im Theater ja: wenn behinderte mit nichtbehinderten Künstlern am gemeinsamen Ziel arbeitet – jeder mit seinen Qualitäten. Wie in "Subway to Heaven", ein herrlich versponnener Abend, in dem Martin Clausen, ein bekannter Namen in Berlins freier Szene, und Torsten Holzapfel vom Theater Thikwa lässig zwischen biografischen Miniaturen und großen Utopien pendeln.

Christoph Schlingensief war der erste, der Behinderte beschäftigte

Das Theater Thikwa und das Theater RambaZamba, Berlins große Institutionen, wenn es um Theater mit behinderten Schauspielern geht, waren seit Beginn des Festivals 2005 bei No Limits dabei. Als sie sich vor 25 Jahren gründeten, mussten sie noch hartnäckig gegen das Vorurteil ankämpfen, sie würden Therapie machen und keine Kunst. Lange fand ihr Theater in einer Nische statt. Christoph Schlingensief war vermutlich der erste, der geistig behinderte Darsteller wie Mario Garzaner, Achim von Paczensky und Kerstin Grassmann auf die Staats- und Stadttheaterbühne holte. Damals galten selbst körperbehinderte Schauspieler noch als "nicht rezensierbar", wie der Kritiker Gerhard Stadelmaier über den im Rollstuhl sitzenden Schauspieler Peter Radtke urteilte.

Seitdem arbeiten immer mehr nichtbehinderte Theatermacher mit geistig behinderten Schauspielern – so inszenierte Frank Abt 2013 "Stallerhof" an den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit der Thikwa-Schauspielerin Mereika Schulz. Mittlerweile gibt es am Staatstheater Darmstadt das erste Ensemble, dem zwei körperbehinderte Schauspieler angehören: Samuel Koch, der 2010 bei "Wetten dass..." verunglückte, und Jana Zöll sitzen beide im Rollstuhl.

Diese Aufmerksamkeitsverschiebung hat auch Auswirkungen auf die etablierten Gruppen. Das von Gisela Höhne äußert erfolgreich geleitete Theater RambaZamba wirkt wie das Berliner Ensemble der Szene: Die großen Stoffe von Shakespeare und Brecht präsentiert es ästhetisch konservativ und voller Spiellust vor einer treuen Fangemeinde und auf zahlreichen Gastspielen. Und es hat Stars unter seinen Schauspielern wie Juliana Götze, die regelmäßig von Film und Fernsehen angefragt werden. Das RambaZamba ist dabei ebenso Ausbildungsstätte wie das Theater Thikwa in Kreuzberg. Am ehesten lässt sich das von Gerd Hartmann geleitete Haus mit den Sophiensälen vergleichen: Es ist hervorragend mit der lokalen freien Szene vernetzt und produziert vor allem performative Projekte.

Immer mehr Theater interessieren sich für die Arbeit

Das ist ohnehin der Trend im inklusiven Theater, weg von den großen Abenden, hin zu kleineren Formaten gemeinsam mit nichtbehinderten Künstlern. Bahnbrechend war hier die Produktion "Disabled Theater", die der Choreograf Jérôme Bel mit dem Theater Hora aus Zürich erarbeitete. Die Inszenierung lief auf der ganzen Welt, wurde 2012 zur Eröffnung von Annemie Vanakeres HAU-Intendanz und 2013 beim Berliner Theatertreffen gezeigt. Seitdem ist die Wahrnehmung von inklusiven Arbeiten enorm gestiegen, interessieren sich immer mehr nichtbehinderte Künstler für eine Zusammenarbeit mit behinderten Kollegen.

An dieser Entwicklung hat No Limits einen entscheidenden Anteil. Die Festivalmacher brachten Bel und das Theater Hora zusammen und stifteten weitere Kooperationen. So hat die Berliner Kult-Schaumstoffpuppen-Truppe Das Helmi zusammen mit dem Theater Hora "Mars Attacks!" erarbeitet, das jetzt bei No Limits läuft. Und die Gruppe Monster Truck bringt während des Festivals "Regie 2" an den Sophiensälen heraus. Im ersten Teil hatten sie mit drei Thikwa-Schauspielern danach gefragt, was passiert, wenn man den geistig behinderten Schauspielern tatsächlich Macht gibt. Monster Truck inszenierten ihre Schauspieler mit Down-Syndrom als Regisseurs-Klischees: Jonny Chambilla ließ eine Frau strippen, Oliver Rincke einen Schauspieler als "Rambo" über die Bühne robben, Sabina Braemer holte Zuschauer für eine Art Impro-Theater auf die Bühne. Was an diesen Regie-Arbeiten von Monster Truck inszeniert war und was von den Akteuren stammte, ließ die Arbeit bewusst offen.

Beginnt also gerade eine neue Ära der Regisseure mit Behinderung? "Natürlich kann man Künstler mit körperlicher und geistiger Behinderung nicht in einen Topf werfen", sagt Festivalkurator Marcel Bugiel. Gut möglich, dass Regisseure mit einer körperlichen Behinderung bald keine Ausnahme mehr darstellen. "Aber vermutlich wird es nie Regisseure mit einer geistigen Behinderung geben, die außerhalb des geschützten Rahmens inklusiver Theaterprojekte agieren werden", sagt Bugiel. "Wobei die Freiheiten, die sie sich innerhalb dieses geschützten Rahmens nehmen können, viel über den Mangel an künstlerischer Freiheit auf dem 'regulären' Theatermarkt erzählen."

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