SO36

Pogen mit Zugezogen Maskulin - gegen Alles und Jeden

Zugezogen Maskulin liefern im Berliner SO36 einen wohligen Rest Underground. Anti-Haltung pur.

Zugezogen Maskulin  beim MS Dockville Festival in Hamburg-Wilhelmsburg im Augsut

Zugezogen Maskulin beim MS Dockville Festival in Hamburg-Wilhelmsburg im Augsut

Foto: Jazz Archiv/Michi Reimers / picture alliance / Jazzarchiv

Auf der Oranienstraße brennt es täglich zwischen 18 und 20 Uhr. Dann leuchten Scheinwerfer und Bremslichter im zähen Berufsverkehrsnahkampf neben wild blinkenden Zweite-Reihe-Parkern. Ja, so ist Berlin. Berlin ist auch „Mein Block“ und „Lila Wolken“, der inzwischen vom Flüchtlingscamp gesäuberte Oranienplatz und die Menge, die vor dem SO36 für Zugezogen Maskulin in der Schlange steht und darauf wartet das drinnen „Alles brennt“.

Westberlin Maskulin war ein Projekt von Kool Savage und Taktloss. Später nannten sich Fler und Partner Godsilla „Südberlin Maskulin“. Über West- und Süd-Zugehörigkeit sind Hendrik Bolz alias „Testo“ und Moritz Wilken alias „Grim104“ erhaben. Sie sind Zugezogene und haben daher auch keine Verpflichtung sich der Berlin-Vergötterung anzuschließen.

Den Kleinstadtmief (beide kommen aus kleinsten Orten) müssen sie deshalb noch lange nicht gut finden. Aber dazu, dass Zugezogen Maskulin (ZM) einiges an Kompromissbereitschaft im „Dagegen sein“ an den Tag legen, kommen wir noch.

Die Hände formen die ikonische Merkel-Raute

Während Bushido im Huxleys performt und Marteria die Wuhlheide ausverkauft, hat das ZM-Konzert im SO36 noch einen kleinen, wohligen Rest Underground. ZM sind im Momentadas Heißeste, das Deutschrap zu bieten hat.

Auf den Bühnenrändern stehen Dreiecke. Auf jedem sieht man einen der beiden Rapper, die Hände formen die ikonische Merkel-Raute. Im Publikum sieht man viel schwarz. Dazu geleckt weiße Sneakers oder ranzige DocMartens. Auf den meisten Shirts stehen Dinge, die so etwas wie „Fuck Cops“ oder „Anti-Establishment“ bedeuten. Auf manchen steht Nike. Aber Codes bedeuten heute ohnehin nichts mehr. Punk, Rapper, Proll, Hipster – kann man jetzt alles gleichzeitig sein.

„Ich will mich Streiten - ihr wollt Zuckerwatte“

Die klare Ansage aus dem Song „Oi“ schafft die Basis für alles, was heute Abend passieren wird. „Ich will mich Streiten - ihr wollt Zuckerwatte, Sommerregen. Ich mach den Soundtrack zum Alles-in-die-Tonne-treten“, heißt es da.

Hart wie Beton, so wollen ZM sein. Und was aus ihren Mikros tönt, soll mitten ins Gesicht treffen. Vor allem sind die Rapper Dagegen. Und deshalb auch goldrichtig in Berlin. Wo könnte man die Hass-Kultur besser lernen und dissen als in dieser Stadt? Hier, wo Urberliner Zugezogene hassen, die wiederrum Hipster hassen, die Hippies hassen.

ZM sind gegen Staat und Kapitalismus, gegen die Generation Praktikum, Lifestyle, Co-Workingspaces und Bio-Latte-Fotos auf Instagram. Es tut gut, dass man Berlin einmal nicht abfeiern muss.

Genau genommen gar kein Rap sondern Punk

Die Fans pogen sich durch die Songs. „Alles Brennt“, „Agenthurensohn“, „Kreuzberg am Meer“. Es riecht nach Schweiß und Frittenfett. Im Song „Oranienplatz“ geht es um das ehemalige Kreuzberger Flüchtlingscamp und die widersprüchliche deutsche Haltung gegenüber den Zuwanderern. „Dies ist ein goldenes Land, mach nichts schmutzig, fass hier nichts an! Wir haben viel zu viel, um Euch was abzugeben“ singen sie. Angesichts dieser traurigen Zeilen ist selbst der Hipster-Hass kurz hinfällig.

Mit ihrer Anti-Haltung machen ZM genau genommen gar keinen Rap sondern Punk. Glücklicherweise ohne die nihilistische Pipi-Kacka-Attitüde. Es gibt keine Bühnenpinkelei und keine Billig-Bier-Besäufnisse mit anschließender Brech-Arie.

Stattdessen führen Grim104 und Testo ihre Bühnenansprachen zwischen Kunstnebel und Beats als kunstvolles Drama auf. Natürlich wissen die Beiden, dass auch sie sich den Klischees nicht entziehen können, oder – so erklärt es Grim104 – „wir von ZM sind stabile Feuilleton-Streber-Rapper“.