Musik

Ulrich Tukur widmet sich dem Danebenbenehmen

Ulrich Tukur plant nie, sagt er. Doch jetzt gibt er eine neue CD heraus und ist auf Jubiläumstour. Warum erzählt er im Interview.

Seit 20 Jahren musiziert Ulrich Tukur (l.) mit seiner Band Rhythmus Boys. Alkoholfreies Bier mögen sie nicht. Das sieht man

Seit 20 Jahren musiziert Ulrich Tukur (l.) mit seiner Band Rhythmus Boys. Alkoholfreies Bier mögen sie nicht. Das sieht man

Foto: Katharina John

Ein Sack voller Flöhe, die man hüten soll, obwohl die kleinen Racker immer wieder weghuschen. Wieso man beim Gespräch mit Ulrich Tukur daran zu denken beginnt? Das könnte mit dem Gedankengalopp in seinem Kopf zu tun haben. Oder mit den Mitgliedern seiner Rhythmus Boys, die es 20 Jahre gibt und die das Spaßkapellen-Jubiläum mit der CD „Let’s Misbehave“ feiern. Die Kollegen grätschen beim Interview fröhlich dazwischen, fragen dieses, antworten auf jenes. Zwischendurch rappelt mehrfach Tukurs Handy und die Espresso-Frage muss ja auch geklärt werden.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie Ihre CD schon dem Danebenbenehmen widmen – ist gepflegtes Danebenbenehmen eine zu Unrecht unterschätzte Kunstform?

Ulrich Tukur: Wenn man sich auf eine charmante Art danebenbenimmt und der allgegenwärtigen politischen Korrektheit mal vors Schienbein tritt, dann ist es gut. Das wird zu selten gemacht.

Beschimpfen kann jeder, beleidigen ist die wahre Kunst?

Es geht nicht darum, jemanden in seiner Ehre zu verletzen, sondern darum, mit Witz auf Ungereimtheiten und Sinnlosigkeiten zu zeigen. Wir sind ja doch alle Mitspieler in einem absurden Stück, dessen Sinn wir nicht kennen, warum also sollten wir uns diese knappe Zeit mit unsinnigen Regelwerken vermiesen? Die hohe Kultur des Kompromisses muss es schon geben. Aber das reicht dann auch.

Kants kategorischer Imperativ ist überschätzt?

Der ist bindend. Der ist wirklich gut. Hätte Jesus von Nazareth nicht besser formulieren können. Ansonsten: Wen interessiert’s, wenn ich in einer Hotelbar eine Zigarette rauche oder mir in der Apotheke eine Opiumtinktur hole?

Ist Schauspieler der ideale Beruf, um sich tariflich geregelt der Triebabfuhr zu widmen?

Wenn Sie in einem subventionierten Theater arbeiten, dann ja. Aber das hat mich irgendwann auch nicht mehr interessiert. Triebabfuhr also ...? Kann man so sagen. Man kann sich selbst reinigen, aber auch verzaubern und erhöhen. Ist doch wunderbar.

Da höre ich einen Hauch Sehnsucht, mal wieder auf die Bühne zu wollen.

In den Konzerten mache ich es ja. Das ist mein Abend, den führe ich, im Gegensatz zum Spiel vor der Kamera, da wird man stark eingeschränkt und so durch die Postproduktion genudelt, dass am Ende gar nicht mehr zu erkennen ist, was man hineingegeben hat. Natürlich möchte ich gerne zur Bühne zurück. Und ich werde das auch machen, es wird mit meiner Rückkehr nach Deutschland zu tun haben. Ich möchte dann auch wirklich länger an einem Ort sein. Dieses unstete Reiseleben, das müsste dann vorbei sein.

Um aufs Danebenbenehmen zurückzukommen: Womit – außer mit schlechtem Essen – kann man Sie beleidigen?

Mit dämlichen Telefonaten, die gerne und oft in Zügen geführt werden und deren Protagonisten dich mit beeindruckend lauter Stimme zwingen, dir den ganzen Schmonzes ihrer unsäglichen Existenz mit anzuhören. Und mit alkoholfreiem Bier.

Sie und Ihre Rhythmus Boys sind jetzt 20 Jahre am Start. Wie muss man sich das auf Tournee vorstellen? So à la altes Streichquartett, dass nie zusammen frühstückt und sich das erste Mal am Tag auf der Bühne spricht?

Wir sind kein Streichquartett, wir sind eine Tanzkapelle, und darum ist es immer besser geworden. Vor zwei, drei Jahren hatte ich eine kleine Krise. Ich war müde und überarbeitet. Aber jetzt hat das Programm, das so wunderbar funktioniert, mir wieder Kraft gegeben und einen Mordsspaß gemacht.

Wenn man so lange wie Sie Schauspieler ist, und Sie spielen ja auch nicht den handelsüblichen Vorabendserien-Familienvater – profitiert man davon für sich selbst? Wird man so besser im Leben?

Besser wird man durch das Spiel mit einer Rolle ganz sicher nicht. Aber es säubert ein wenig. Ich versetze mich gern in andere Leben. Dabei ist es wichtig, einen Zugang zur jeweiligen Rolle zu finden, egal, ob das ein pädophiler Triebtäter ist, ein Nazi-Offizier oder ein Zoologe. Du bist als Schauspieler immer eine Art Anwalt der Figur, die du spielst. Du musst sie raushauen und manchmal – bei einer historischen Rolle – auch vor der Geschichte verteidigen. Das heißt aber nicht, dass du sie und ihre Missetaten rechtfertigst.

Ein anderer Teil Ihrer Karriere: das, was landläufig unter „singender Schauspieler“ abgeheftet wird. Da gibt es ganz fürchterliche Beispiele, insbesondere bei gewissen „Tatort“-Darstellern.

Das will ich nicht beurteilen. Bei mir begann es jedenfalls mit der Musik. Der Erfolg eines Germanistikseminars über Tucholsky an der Tübinger Uni machte mich zum Straßenmusikanten. Und darüber bin ich dann zum Theater gekommen. Ich bin also eher ein schauspielender Musiker als andersherum.

Es gibt Künstler Ihrer Altersklasse, die jetzt beginnen, mit Nachdruck das große Alterswerk zu starten. Andere lehnen sich entspannt zurück.

Tukur: Et kütt wie et kütt. Ich habe nie irgendetwas geplant, ich wollte auch nie zur Bühne. Wenn etwas daherkommt – wunderbar. Wenn nicht, dann nicht.

Würden wir die Plätze tauschen, würden Sie nicht denken: Puh, was für ein koketter Satz, dieses ,Ich habe nie irgendetwas geplant‘? Das ist fast Iris Berben, wenn sie sagt ,Ich trinke ganz viel Wasser‘?

Ich habe mich immer in andere Welten gesehnt. Ich war in meinem ­Elternhaus, in der Schule, in meiner ­Lebenswirklichkeit nicht glücklich und habe mich weggeträumt. Als Kind, unter der Bettdecke, las ich ohne Ende. Die Musik hat mich entführt. Was soll man da planen?

Nach zwei Jahrzehnten mit Ihrer Band – wie lange soll’s noch dauern?

Bis der Erste tot umfällt.

Album: „Let’s Misbehave”, Trocadero, 17,95 Euro. Tournee: Theater am Kurfürstendamm, 5. Januar, 20 Uhr.