Kultur

Die wunderbare Welt des alten Bahnhofskinos

Dokumentation widmet sich einem Stück Alltagskultur

Ob „Nackt und zerfleischt“ oder „Die Satansweiber von Tittfield“, ob „Ein Zombie hing am Glockenseil“ oder „Sein Wechselgeld ist Blei“: Wer in den 70er- und frühen 80er-Jahren ins Bahnhofskino ging, wollte keine Filmkunst genießen, sondern ein Spektakel erleben. Eines mit viel Gewalt und möglichst noch mehr Sex. „Ich hab da nie einen Reisenden gesehen“, erinnert sich ein paar Jahrzehnte später Regisseur Jörg Buttgereit. „Nur der Perverse im Regenmantel war da.“ Und sein Regie-Kollege Uwe Boll, einst ebenfalls begeisterter Bahnhofskino-Besucher sekundiert. „Wir haben unsere Schülerausweise gefälscht, um reinzukommen.“

Lang ist’s her, und inzwischen ist das traditionelle Bahnhofskino längst den Weg alles Zeitlichen gegangen. Im Rahmen der „Trash Night“ auf Arte erzählt die Dokumentation „Cinema Perverso“ nun die Geschichte dieses fast vergessenen Kulturguts, dessen Anfänge bis ins Jahr 1949 reichen. Damals entstanden am Stuttgarter Hauptbahnhof die Bahnhofslichtspiele, kurz Bali genannt. Ähnliche Etablissements in anderen Großstädten folgten. Sie sollten Reisenden die Wartezeit verkürzen, lieferten vor allem Wochenschauen und Cartoons. Das Programm lief als Endlosschleife, Besucher konnten jederzeit kommen.

Mit dem Siegeszug des Fernsehens in deutschen Wohnzimmern änderte sich allerdings das Programm. Ab den 60er-Jahren gab’s Spielfilme, die bald immer härter und abstruser wurden – ein echter Gegenentwurf zum braven TV-Programm, der entsprechend beworben wurde. „Was immer Sie erwarten, Sie bekommen mehr!“ lautete ein Werbespruch, „Schneidend wie Peitschenhiebe kommen die Szenen von der Leinwand!“ ein anderer. Und viele der Filme hielten, was da versprochen wurde – sehr zur Freude von Buttgereit, Boll und anderen Bahnhofskino-Fans, darunter Wolfgang Niedecken und Ben Becker, die hier zu Wort kommen. Sie sahen Ingrid Steeger als nacktes Drogenopfer in „Ich – Ein Groupie“ oder Raimund „Seewolf“ Harmstorf als brutalen Bankräuber in „Blutiger Freitag“. Werke die längst Kultstatus genießen, auch wenn sie einst – wie das Gros des Bahnhofskino-Materials – von den strengen Kritikern des katholischen „Filmdienstes“ mit dem Prädikat „Wir raten ab!“ versehen wurden.

„Cinema Perverso“, Sa 22 Uhr, Arte
„Vier Fliegen auf grauem Samt“, Sa, 23.45 Uhr, Arte