Kultur

Jahr ohne Sommer: Die erste globale Klimakatastrophe

Das Wetter war abscheulich. Es war dunkel, kalt, regnerisch. Und das mitten im Sommer. Am Genfer See saß eine Reisegruppe junger Engländer fest. „Ein fast andauernder Regen beschränkt uns vor allem auf das Haus. Die Gewitter, die uns heimsuchen, sind gewaltiger und schrecklicher, als ich dies je erlebt habe“, klagte Mary Shelley. Die Reisenden machten das Beste aus der leidigen Situation. Am wärmenden Kaminfeuer erfanden sie Schauergeschichten. Es waren jedoch nicht die Stücke der bekannten Dichter Lord Byron oder Percy Bysshe Shelley, die später Ruhm erlangten, sondern das der blutjungen Mary Shelley. Im „Jahr ohne Sommer“ 1816 erblickte ihr „Frankenstein“ das Licht der Welt.

Auch Goethe litt in jenem Sommer. Sein Aufenthalt im thüringischen Schwefelbad Tennstedt fiel mehr oder weniger ins Wasser. Selbst der Kurbetrieb wurde durch die sintflutartigen Regenfälle gestört: „Das schlechte Wetter hindert am regelmäßigen Trinken.“ Erst viel später las der Dichter, dass auf einer Insel in Indonesien ein Vulkan ausgebrochen war. In Zusammenhang mit dem schlechten Wetter in Deutschland brachte er das jedoch nicht. Aber genau das war der Fall.

Was man heute gemeinhin als „das Jahr ohne Sommer“ bezeichnet, war die erste uns bekannte globale Klimakata-strophe. Ein Vulkanausbruch in Indonesien stürzte fast die ganze Welt in eine schwere Krise. Die verheerenden Folgen beschreibt der Saarbrücker Historiker Wolfgang Behringer in seinem Buch „Tambora und das Jahr ohne Sommer“.

Danach löste der Ausbruch des Tambora im April 1815 nicht nur auf verschiedenen Kontinenten eine anhaltende Schlechtwetterperiode aus, sondern führte auch zu Missernten, Hunger, Krankheiten und sozialen Revolten. Auf den verregneten, viel zu kalten Sommer des Jahres 1816 folgte in weiten Teilen Europas das berüchtigte Hungerjahr 1817, in dem die Menschen in ihrer Not Brot aus Baumrinde aßen oder tote Pferde ausgruben, wie die Schriftstellerin Rahel Varnhagen schrieb. Ähnliche Hungersnöte gab es jedoch auch in China oder den USA. In Indien wiederum begünstigte das Extremwetter mit heftigen Überschwemmungen den Ausbruch einer Cholera-Pandemie.

Die Tamborakrise führte auch zur größten Auswanderungswelle in Deutschland seit der mittelalterlichen Ostsiedlung. Tausende verarmter Menschen verließen in den Jahren 1816 und 1817 Süddeutschland, um in Russland, den USA oder auch in Brasilien ein besseres Leben zu suchen. Die Regierungen beklagten die überhandnehmende „Auswanderungssucht“ als „verderblich“, waren aber letztlich machtlos. Zwar wird hier eine historische Katastrophe beschrieben, doch unbewusst schwingt immer die Gegenwart mit. Dem Autor gelingt es den weltumspannenden Charakter dieser Naturkatastrophe in allen Verästelungen aufzuzeigen.