Klassik-Kritik

Prächtige Klänge in den Alpen

Bei den Berliner Philharmonikern dirigiert Andris Nelsons Werke von Strauss und Schostakowitsch

Dritter Abend, dritte Alpensinfonie. Nach Gustavo Dudamel und Christian Thielemann kommt nun auch Andris Nelsons zum ganz besonderen Richard-Strauss-Jubiläum in die Philharmonie: Auf den Tag genau hundert Jahre ist es her, dass die letzte, gigantischste Tondichtung des Münchner Komponisten in Berlin zur Uraufführung kam. Kein Wunder, dass sich die Philharmoniker diesen 28. Oktober als Konzerttermin frühzeitig gesichert hatten. Künstlerische Vergleiche mit ihren beiden unmittelbaren Vorgängern – mit der Staatskapelle Berlin und der Staatskapelle Dresden – drängen sich auf.

Wann hat man schließlich schon einmal die Gelegenheit, eines der aufwendigsten Orchesterprunkwerke so dicht nebeneinander in drei Versionen live zu hören? Während Gustavo Dudamel die Berliner Staatskapelle wie ein Diktator auf die Bergspitze treibt, scheint Nelsons’ Alpensinfonie viel organischer aus dem Orchester selbst zu wachsen. Er lässt die Musiker atmen, schafft Zusammenhalt und Vertrauen durch Empathie und vorgelebte Musikalität.

Nelsons ist nicht derjenige, der das Orchester von oben herab dirigiert. Er ist derjenige, der sich mit seinem Orchester begeisternd vereint, der seine gesamten Körperenergien einsetzt, um sie in Klang aufgehen zu lassen. Ja, er bewegt sich viel, braucht viel Raum, rudert und rührt. Seine ohnehin recht langen Arme scheinen bei Bedarf noch weiter wachsen zu wollen – bis zu den ersten Pulten der Streicher und darüber hinaus. Doch all diese Bewegungen stören diesmal nicht im Geringsten. Denn sie spiegeln sich bereits nach Sekundenbruchteilen in der Musik wider. Vielfarbig wie sonst selten sind die Philharmoniker zu erleben: von seidig verführerisch bis knirschend intensiv, von erdig dunkel bis kreischend hell. Nach düsterer Nacht und dichten Nebelschwaden bricht die Sonne bei Nelsons in ihrer gesamten zerstörerischen Pracht hervor. Der Eintritt in den Wald und die Wasserfall-Szene wirken flexibel in den Verlauf eingeflochten. Die berühmten Kuhglocken auf der Alm, über die sich seit der Uraufführung viele lustig gemacht haben, dürfen an diesem Abend nur aus der Ferne klingen. Nelsons hat sie von der Bühne in den Orchestervorraum verlagert. Hier wie auch an anderer Stelle wird deutlich: Nelsons geht es nicht darum, den plakativen Naturalismus der Partitur auszureizen. Er nutzt lieber die Gelegenheit, um tiefer in die Musik an sich zu dringen.

Wenn man Nelsons überhaupt etwas ankreiden kann an diesem Abend, dann sind es wohl die gewaltig auftrumpfenden Blechbläser bei Strauss. Spätestens beim Erreichen des Gletschers fallen sie massiv über die Streicher her. Als wolle Nelsons nebenbei an den Ersten Weltkrieg erinnern, der bei der Uraufführung 1915 bereits ins zweite Jahr ging.

In anderen Sphären dagegen bewegt sich Schostakowitschs a-Moll-Violinkonzert op. 77 während der ersten Konzerthälfte. Solistin Baiba Skride befindet sich mit ihrem lettischen Landsmann Nelsons auf gemeinsamer Linie: Beiden geht es vor allem um melancholische Schönheit und erhabene Atmosphäre im Kopfsatz und in der Passacaglia. Das groteske Scherzo dazwischen klingt überraschend menschlich. Umso teuflischer wirbeln alle Beteiligten dafür im Finale.