Konzert-kritik

Thielemann braucht keine protzige Pultshow

Schon wieder Alpensinfonie, diesmal mit den Dresdnern

Ein Jahrhundert nach der Berliner Uraufführung von Richard Strauss' "Alpensinfonie" wird die Tondichtung in der Philharmonie gefeiert. Ein Stück Geschichte schwingt an diesem Abend mit, unter rein historischem Gesichtspunkt können weder die Philharmoniker noch die Staatskapelle mit der in Berlin gastierenden Staatskapelle Dresden konkurrieren. Gewidmet war das Werk dem Dresdner Generalmusikdirektor Ernst von Schuch, der Opern wie "Salome", "Elektra" und "Der Rosenkavalier" aus der Taufe hob. Nach Schuchs überraschendem Tod hat der Komponist selbst die Dresdner Hofkapelle am 28. Oktober 1915 in der Philharmonie geleitet.

Bis heute haben die Dresdner diese Klangkultur sorgfältig bewahrt. Der Streicherton ist an diesem Abend voll und seidig, aber niemals gefällig glatt. Der traditionsbewusste Umgang gehört auch zum amtierenden Chefdirigenten Christian Thielemann. Er hat seine Amtszeit einmal als glückliche Heirat bezeichnet. Und Strauss steht ihm musikalisch nahe. Am Pult bleiben Thielemanns Gesten präzise und pragmatisch. Der von der alten Dirigierschule geprägte Meister braucht keine protzige Pultshow, um sein künstlerisches Ziel zu erreichen. Die Einzelstimmen des massiven Klangkörpers werden im dichten Kontrapunkt klar herausgehoben. Die Leidenschaften sind angemessen gezügelt. Die Interpretation verströmt großen Atem.

In der ersten Hälfte des Konzerts wird auf ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte geblickt. Mit diesem zuerst in Dresden gespielten Programm gibt der 91-jährige Pianist Menahem Pressler sein Debüt bei der Staatskapelle. Vor knapp einem Jahr hat der in Magdeburg geborene und nach den Novemberpogromen 1938 vor den Nazis geflüchtete Pressler mit seinem live übertragenen Debüt bei den Berliner Philharmonikern für Furore gesorgt. Und sich viel Sympathie erspielt. Am Dienstag jubelt das Publikum bereits, als Thielemann die zierliche, großväterliche Figur am Arm auf die Bühne begleitet. In den ersten Takten von Mozarts letztem Klavierkonzert in B-Dur ist Presslers Ton intim und zugleich präsent. Es erinnert daran, dass Pressler über Jahrzehnte hinweg das legendäre Beaux Arts Trio prägte. Im Sinfoniekonzert stößt aber seine kammermusikalische Denkart auf die zum Teil eiserne Spielweise der Staatskapelle. Dass die Finger des Solisten etwas an Flinkheit verloren haben, ist verständlich.

Thielemann ist ein einfühlsamer Zuhörer am Pult, er schafft mit der Staatskapelle eine ideale Balance. Der Pianist kann sich auf diese Weise frei entfalten. Im langsamen Satz lässt Pressler das Klavier eine Art Abschiedslied singen. Im volksliedartigen Schlusssatz tritt der Solist in einen harmonischen Austausch mit den Holzbläsern ein. Die Streicher sind vollmundig und luxuriös, und Presslers Finger sind inzwischen so erwärmt, dass man ihm sein Alter kaum anmerkt. Am Ende, beim aufbrausenden Applaus, umarmt er Thielemann. Pressler verabschiedet sich mit einer schmerzlich innigen Zugabe von Chopins Nocturne cis-Moll.

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