Kultur

Das überragende Alterswerk von Tom Jones

Als Tom Jones’ Karriere in den 60er-Jahren begann, setzte der Sänger aus Wales auf seine Stimme, aber auch auf seine erotische Ausstrahlung. Die männliche Sexbombe mit der wallenden Brustbehaarung landete ein paar Nummer-eins-Hits und startete eine beispiellose Karriere. Ähnlich stimmgewaltige, aber nicht ganz so attraktive Kollegen wie Eric Burdon und Joe Cocker dagegen loteten den Blues aus.

Zum Ende seiner Karriere widmet sich nun auch „Tiger“ Tom Jones Liedern, in denen es auf Seele ankommt und nicht auf Sex-Appeal. „Long Lost Suitcase“ schließt nach „Praise & Blame“ (2010) und „Spirit In The Room“ (2012) eine Trilogie mit Songs ab, die Jones als essenziell wahrgenommen hat, die aber nicht in seine Art des Entertainments gepasst haben. Einen Bluesrocker wie das dramatisch aufgebaute „I Wish You Would“ hätte man Burdon ohne weiteres zugetraut, nicht aber dem „Tiger“, der eher für schmissige Schunkel-Nummern wie „Dear Delilah“ stand.

Auf „Long Lost Suitcase“ covert Tom Jones eine ganze Reihe von Blues- und Countrynummern und interpretiert sie mit großer Empathie. Bei Willie Nelsons „Opportunity To Cry“ fühlt Jones sich in die Hassliebe eines verlassenen Liebhabers ein, der sich die Frage nach „kiss or kill“ stellt; in anderen Songs wie „Why Don’t You Love Me Like You Used To Be?“ „Take My Love“ oder „’Till My Back Ain’t Got No Bone“ muss der 75 Jahre alte Sänger eine für ihn ungewohnte Rolle einnehmen: Keine Frau liegt ihm mehr zu Füßen, er ist zum Verlassenen geworden. Es gibt auch fröhlichen Honky-Tonk („Honey, Honey“), doch die Tonart ist überwiegend in Moll gehalten. „Long Lost Suitcase“ ist ein weiteres überragendes Alterswerk des Walisers, mit einer kleinen Einschränkung: Das Cover des Rolling-Stones-Songs „Factory Girl“ bleibt deutlich hinter dem Original zurück.