Kultur

Neue Chancen für Klassik im Internet

Die App Idagio will Aufnahmen von Karajan, Callas und Co. zu deutlich besseren Konditionen im Streaming verfügbar machen

Klassische Musik und das Internet? Nicht nur massenhaft, unsortiert und umsonst, wie bei YouTube, wo man sich monatelang von Tondokument zu Tondokument durch die Musikgeschichte treiben lassen könnte? Schwieriges Thema. Denn dieses Nischensortiment wurde bislang nicht handlicher für seine Interessenten, indem man die Aufnahmen ins Netz schaufelte, wo doch am liebsten alles gratis sein soll und trotzdem toll.

Großer Aderlass im Bereich der traditionellen Klassikbranche

Als Apple im Juni mit viel Getöse seinen Streaming-Dienst vorstellte, der Millionen Titel bereithält, spielte Klassik noch nicht mal die zweite Geige; andere Anbieter wie Spotify behandeln das Genre mit den Opuszahlen ähnlich stiefmütterlich, weil es sich für sie nicht rechnet. Wo doch Klassikliebhaber oft Besserverdiener sind. Der Marktanteil liegt wie festbetoniert im einstelligen Bereich, obwohl – oder weil – immer wieder mit viel Marketing-Nachdruck versucht wird, flott formatierten Virtuosen-Nachwuchs in den Markt zu pressen.

Vor einigen Tagen erst schreckte eine Meldung die einfallsarm vor sich hin trudelnde Phonobranche immerhin kurz auf: Der Musikpublizist Norman Lebrecht meldete, dass die meistverkaufte „Klassik“-Platte, irgendetwas Gregorianisches mit Mönchen, laut einer aktuellen Erhebung in den gesamten USA genau 298-mal gekauft wurde. Das allein soll noch nicht viel heißen, denn diese Marktanalyse ist bei weitem nicht komplett. Klar ist aber: Herbert von Karajan hätte für das Kleinstgeld aus dem Netz und bei diesem Konkurrenzniveau noch nicht mal ans Dirigieren gedacht.

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter, deren LP-Karriere mit ihm und Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ begann, soll es für ihr Traditionslabel Deutsche Grammophon richten, mit einer eher bemühten Platte, die an einem „Yellow Lounge“-Clubabend in Berlin aufgenommen wurde. Das soll dem Ergebnis Glaubwürdigkeit für Hörer einimpfen, die im Internet zu Hause sind, und nicht nur grau melierte Untermieter, die sich schon im Treppenhaus des WWW verlaufen.

Kürzlich jedoch stellte ein Berliner Start-up-Unternehmen, finanziert von australischen Investoren, seine Idee im Altehrwürdigsten der Branche vor, bei den Salzburger Festspielen – genau dort also, wo die Phono-Manager es früher, in den lukrativen analogen Zeiten, jeden Sommer krachen ließen. Die Streaming-Plattform „Idagio“ will den virtualisierten Klassikmarkt von der Seite aufrollen. Nicht mit Masse, mehr mit Klasse. Zunächst nur mit einer App. Demnächst soll eine Internetseite mit viel Drum und Drin folgen. Für 2016 ist ein Premium-Zugang geplant, der für eine Monatsgebühr Zusatzangebote liefern soll.

Bessere Suchmöglichkeiten, kuratiert und vorgekostet von menschlichen Experten und nicht berechnet durch Algorithmen, mehr Verständnis für die Besonderheiten des Genres, das ist ein erstes Standbein dieses steil ehrgeizigen Konzepts, das Till Janczukowicz, ehemaliger Großagentur-Künstlermanager, vertritt. Das Spielbein ist ein womöglich revolutionäres Angebot an Musiker und Solisten: bei Idagio deutlich mehr zu verdienen als die lächerlich geringen Prozentsätze, die es bislang für Streaming gab – angeblich 42,5 statt nur 3,5 Prozent.

Schon bei Popkünstlern sind die Streaming-Einnahmen nur ein klitzekleines Zubrot. Für Orchester mit 100 oder mehr Mitgliedern, erst recht außerhalb der Subventionsregelungen in Deutschland, sind sie völlig untauglich, ihren Spielbetrieb auch nur ansatzweise zu gewährleisten. Deswegen auch der Aderlass im traditionellen Bereich der Klassikbranche: Die Firmen wollen oder können sich keine kostspieligen Verträge mit Orchestern und Dirigenten mehr leisten, die Orchester wiederum suchen ihr Glück auf eigene Faust.

Erste prominente Idagio-Zugänge wurden schon stolz vorgeführt: Die Wiener Philharmoniker gehören dazu und das Cleveland Orchestra, dessen Chefdirigent Franz Welser-Möst gerade verkündet hatte, ein Fünftel seines Publikums dort sei jünger als 25. Der Bariton Thomas Hampson, bekannt als internetaffin, ist ebenso dabei wie der junge Geiger Ray Chen, der in sozialen Medien aber deutlich bekannter ist als auf den großen Konzertbühnen. Es ist also noch Luft nach oben.

Frei von Anlaufschwierigkeiten ist Idagio, wie es sich für Start-ups gehört, noch nicht. Obwohl die Einteilung nach Komponisten, Interpreten, In­stru­ment und Epoche praktisch gedacht ist – vieles sucht man vergeblich. Dafür stehen etliche Archivaufnahmen in guter Qualität zur Auswahl, weil sie mit zunehmendem Alter nicht schlechter oder weniger relevant werden. Aktuelle Publikumslieblinge findet man natürlich auch (noch?) nicht, da sie bei anderen Firmen in Lohn und Brot stehen.

Mitspracherecht für Erzeuger des Kulturguts Klassik

Doch die Möglichkeit, als Erzeuger des Kulturguts Klassik wie bei Fair-Trade-Händlern von Kaffee oder Bioprodukten ein Mitspracherecht bei der Entlohnung zu haben, könnte sich als Anfang vom Ende überholter Markt­- strukturen erweisen. Dann hätte es vielleicht endlich auch ein Ende mit dem Dinosaurier-Aroma des Verstaubten und Überalterten.

Beim Pressetermin in Salzburg zitierte Janczukowicz deswegen jemanden, der es bestens verstanden hatte, aus allem und jedem einen Batzen Bares herauszuholen. Richard Wagner, 1850: „Ich würde überall hin Einladungen ausschreiben und – natürlich gratis – drei Vorstellungen hintereinander in einer Woche geben.“ Soll bedeuten: Das Internet muss endlich reif werden für die Klassik. Und nicht umgekehrt.