Kultur

Heino schunkelt bei Wodka im Blut

Traumschiffatmosphäre im Huxleys: Der Volksmusik-Altstar singt noch mal seine alten Hits

Sie sind zu sechst, im mittleren Alter. Jeder von ihnen trägt eine schlecht sitzende, gelbe Billigperücke Fabrikat „Heino“. Der Türsteher kontrolliert, ob sie vorhaben, in ihren Jackentaschen Sekt ins Huxleys Neue Welt in Neukölln zu schmuggeln. Quatsch, ordnungsgemäß wurden die Pullen schon vor der Halle geleert. „Wir sind Hardcore-Fans“ stellen sich die Perückenträger vor. „Na, dann singt mal was“, befiehlt der Türsteher. Mit Hängen und Würgen wird „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ intoniert. „Das war aber nix“, urteilt der Türsteher.

Rein dürfen die Sechs trotzdem. Es ist kurz nach acht, und im Huxleys ist die Show schon in vollem Gange. Nach 50 Jahren im Volksmusik-Business weiß Heino, was sich gehört. Wenn auf dem Ticket als Beginn 20 Uhr vermerkt ist, hat die Show auch um 20 Uhr zu beginnen.

Live wirkt der 76-Jährige fitter als im Fernsehen bei DSDS

Drei Backgroundsänger mimen einen Shanty-Chor. Heino zielt mit dem Finger auf den Horizont, der im Huylexs vom Merchandising-Stand begrenzt wird. Er singt über in Seenot geratene Männer vor Madagaskar. „Ahoi! Kameraden. Ahoi, ahoi. Leb wohl kleines Mädel, leb wohl, leb wohl.“ Auf der Publikumstribüne sitzt ein junger Mann und singt ergriffen mit.

Wer Heino zuletzt im Fernsehen gesehen hat, dem hätten Zweifel kommen können, ob der Altvolksmusiker seine 50-Jahre-Jubiläumstour wirklich durchstehen kann. In der „Deutschland sucht den Superstar“-Jury wirkte er neben dem mallorcagegerbten Bohlen beängstigend käsig und bräsig. Letzteres muss glücklicherweise am ermüdend langweiligen Format gelegen haben, denn an diesem Abend macht Heino einen vergleichsweise fitten Eindruck. Er singt live, führt routiniert durchs Programm. Ihn kümmert nicht, dass bierseliges Publikumsgeschwafel seine Zwischenmoderationen übertüncht.

Der Abend mag zwar unter dem Motto „Schwarz blüht der Enzian“ stehen, düster sind aber nicht die Songs, sondern vor allem Heinos Outfit. Die schwarze Kombination hat mit Hard & Heavy ungefähr so viel zu tun, wie Harald Glööckler mit der „Vogue“. Um den Hals des Sängers hängt ein dickes Kreuz, der lange Ledermantel ist mit prolligen Ed-Hardy-Nieten bestückt. Wenn sich Heino zu seiner Band umdreht (auf der Bühne tummeln sich stets mindestens zwölf Musiker), dann offenbart sich das volle Ausmaß der glitzernden Katastrophe. Auf seinem großen Comeback-Album von 2013 wurden Coversongs erfolgreich zu einem Volksmusik-Rock-Mash verarbeitet. Nun hat der Mann ein Best-Of-Album herausgebracht. Seine aufgefrischte Volksmusik kracht oder dröhnt allerdings fast gar nicht mehr. Klassiker wie „Sierra Madre“ oder „La Paloma“ peppt Heinos Band mit Swing auf. Traumschiffatmosphäre im Huxleys.

90 Prozent von denen, die gekommen sind, sind erheblich jünger als Heinos Stammpublikum. Woher kennen die Jugendlichen bloß Schinken wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss“? Läuft das in den Festzelten beim Oktoberfest? Oder nach DJ-Ötzi beim Après-Ski? Haben die Großeltern beim Besuch die alten Platten aufgelegt? Und wo sind überhaupt die Damen und Herren, die den Mann schon vor seinem Comeback gut fanden? Wahrscheinlich sitzen sie lieber nachmittags in Bad Münster-eifel rum und essen eine Portion vom legendären Haselnusskuchen mit Schlag.

Heino schraubt das Mikro vom Ständer und schunkelt zu „Ja, ja die Katja, die hat ja Wodka im Blut, Feuer im Herzen und die Augen voll Glut“. Jetzt sind wir endgültig im Karneval angekommen. Galant streut Heino einen seiner Aufsager ein: „Liebe Freunde. Die Stimmung in Berlin ist ja schlimmer als an Rosenmontag bei uns in Köln.“ Das meint Heino natürlich als Kompliment.

Nach der Hälfte der Show leert sich der Saal merklich

Verkleiden scheint bei seinen Konzerten Pflicht: von dödeligen Riesenhüten in Deutschlandfarben bis zum Papp-Trachtenhut, peinlich ist hier gar nichts. Wer in zivil gekommen ist, kann sich am Merchandising-Stand eindecken. Immerhin werden Protz-Totenkopfringe verkauft. Auch Heinos Biografie „Mein Weg“ liegt aus. Nach der Hälfte der Show leert sich das Huxleys merklich, dabei ist es gerade einmal neun Uhr. Gegangen sind die Fans allerdings nicht. Sie stehen vor der Halle. „Solange man lebt, soll man rauchen“, wusste schließlich schon Helmut Körschgen in dem Film „00 Schneider“.