Deutsches Theater

Wie für den Boulevard geschaffen

Jan Bosse inszeniert Roland Schimmelpfennigs „Wintersonnenwende“ am Deutschen Theater. Ein sehr unterhaltsamer Abend

Weihnachten steht vor der Tür und der Besuch ist schon da: Felix Goeser (M.) als  Albert in „Wintersonnenwende". Jutta Wachowiak (l.) spielt die Schwiegermutter, der Mann auf dem Tisch ist Konrad (Edgar Eckert), der Künstler

Weihnachten steht vor der Tür und der Besuch ist schon da: Felix Goeser (M.) als Albert in „Wintersonnenwende". Jutta Wachowiak (l.) spielt die Schwiegermutter, der Mann auf dem Tisch ist Konrad (Edgar Eckert), der Künstler

Foto: dpa Picture-Alliance / Sophia Kembowski / picture alliance / dpa

Es beginnt wie eines dieser klassischen Eheschlachten-Stücke: Gereizte Stimmung, Vorwürfe, Streit, die Beziehung ist eh fragil. Die Situation verschärft sich, als Bettinas Mutter ankommt. Corinna lebt schon lange allein, es ist der 23. Dezember, kurz vor Weihnachten. Sie sucht Familienanschluss und bekommt Alkohol. Natürlich ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter belastet; das Zimmer der achtjährigen Marie ist Rückzugs- und Fluchtort der Erwachsenen. Ein Stück, wie für den Boulevard geschaffen.

Aber das ist nur der äußere Rahmen in Roland Schimmelpfennigs „Wintersonnenwende“. Im Januar in Stockholm uraufgeführt, inszenierte Jan Bosse jetzt die deutschsprachige Erstaufführung im Deutschen Theater. Schimmelpfennig ist ein Autor, der ein bisschen dazwischen steht: Er schreibt durchaus noch klassische Dialoge, lässt aber auch postdramatische Elemente in seine Stücke einfließen, mitunter auch surreale.

Ohne Alkohol und Pillen geht nichts

In „Wintersonnenwende“ nehmen die Texte neben den Dialogen, die, so der Wunsch des Autors, „soweit möglich“ mitgesprochen werden sollen, viel Raum ein. Sie sind so etwas wie der Subtext, scheinen zu erklären, was gerade gespielt wird. Anders als der Uraufführungsregisseur Staffan Valdemar Holm illustriert Jan Bosse die Stimmen aus dem Off nicht mit überbordenden Video- und Bildproduktionen. Bosse entscheidet sich für Reduktion. Er liefert einen sehr unterhaltsamen, gut zweistündigen Abend ab, der vom Premierenpublikum mit herzlichem Applaus bedacht wurde. Nebenbei: „Wintersonnenwende“ eignet sich wunderbar als Weihnachtsgeschenk, falls Eltern oder Schwiegereltern sich zum Festbesuch angekündigt haben.

„Hohe Räume, Flügeltüren. Sehr viele Bücher. Ein altes Klavier. An der Wand ein sehr großes Ölbild“, so beschreibt Schimmelpfennig den Spielort. Nichts davon taucht in dem durch dunkle, gespannte Schnüre begrenzten Raum des Bühnenbildners Stéphane Laimé auf. Ein riesiger, runder, drehbarer Tisch steht im Zentrum, gedeckt mit Gläsern, Rotweinflaschen und Medikamenten.

Der fremde Mann könnte ein Nazi sein

Hausherr Albert (Felix Goeser), ein erfolgreicher Autor und Essayist, der gerade an seinem neuen Werk „Weihnachten in Auschwitz“ arbeitet, braucht Alkohol und Pillen, um den Abend zu überstehen. Denn vor der Tür steht nicht nur Weihnachten, sondern auch ein sonderbarer Fremder: Rudolph (Bernd Stempel), den Corinna bei ihrer Anreise im Zug, der im Schnee steckengeblieben ist, kennengelernt und eingeladen hat. Er kommt aus Paraguay, seine Familie war - wie etliche Nazis nach dem Krieg - dorthin ausgewandert.

Rudolph verkündet ein Weltbild, das in dem Intellektuellenhaushalt so gar nicht goutiert wird. Von den Gästen schon: Konrad (Edgar Eckert), der Maler des Ölbildes, lässt sich, schon reichlich betrunken, von den Worten zur Tat hinreißen, er zerstört sein Werk, um ein besseres zu schaffen. Corinna (Jutta Wachowiak) ist von dem Fremden mit den guten Umgangsformen ganz hingerissen. Und Tochter Bettina (Judith Hofmann) flirtet lieber mit dem Maler, dem besten Freund ihres Mannes, als sich in die Diskussion einzumischen.

Unbedingt erwähnenswert sind die von Magritte, Mondrian und Yves Saint Laurent inspirierten Kostüme von Katrin Plath. Die passen so schön zu dem vordergründig klischeebeladenen Stoff, in den Schimmelpfennig und Bosse hübsche kunstreferenzielle Anspielungen eingewebt haben.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a. Termine: 27.10., 8., 12.11. Karten: 284 41-225