Konzert-Kritik

Die Philharmoniker als Chamäleon, das sich hörbar wandelt

Giovanni Antonini entlockt dem Orchester neuen Klang

Peitsche oder Zauberstab? Wenn Piotr Anderszewski am Steinway sitzt, kann man nie sicher sein, was er als nächstes zückt. Sein Mozart-Klavierkonzert KV 491 gleicht einer Expedition ins Reich der Exzentrik und Exotik. Mit Anderszewski als Tastentrommler und -flüsterer, als einfühlsamer Kammermusiker und streitlustiger Solist zugleich. Die Philharmoniker sind unter dem Italiener Giovanni Antonini kaum wiederzuerkennen. Der Alte Musikspezialist presst sie zu einem Ensemble, das geräuschhaft wie nie artikuliert. So sehr, dass man Streicher und Bläser schnaufen zu hören meint. Es ist ein trockener Mozart-Klang, der dem Publikum hörbar zu schaffen macht: Die Pausen zwischen den Sätzen werden ausgiebig zum Husten genutzt. Doch welch beeindruckende Teamleistung von Antonini und Anderszewski! Der Dirigent schafft es, die Philharmoniker von Takt zu Takt mehr von seinem historisierenden Klangkonzept zu begeistern. Solist und Orchester begegnen sich auf Augenhöhe, kreuzen kühn die Klingen. Dieser Mozart wird von allen Beteiligten zu frischem Leben erweckt. Ebenso überraschend wirkt die Zugaben-Wahl: Bartóks Ungarische Volkslieder, vom polnischen Pianisten mit poetischen Schnörkeln und launischer Brutalität ausgestattet.

Und die Philharmoniker? In Haydns Sinfonie Nr. 101 („Die Uhr“) zu Beginn des Abends scheinen sich die Musiker erst noch an Antoninis ruppige Haydn-Absichten gewöhnen zu müssen. Nach einem wohlgenährten Kopfsatz gehen sie im zweiten Satz auf Diät. Über den mechanisch tickenden Bläserterzen verlieren die Streicher an Bauch, recken und straffen sich. Ab dem Menuett klingen sie schon fast nicht mehr nach den Philharmonikern. Auch die Bläser zeigen sich verändert: dunkler, holziger, mit Mut zu Klappengeräuschen. Spätestens in Haydns Sinfonie Nr. 103 ist die Verwandlung zum eingeschworenen Spezialensemble perfekt. Ein wenig unheimlich ist das schon: die Berliner Philharmoniker als Chamäleon zu erleben, als ein Orchester, das sich einem Gastdirigenten komplett anverwandeln kann.

Den berühmten Paukenwirbel der vorletzten Londoner Haydn-Sinfonie lässt Antonini im Stil einer barocken Intrada zelebrieren – mit harten Holzschlägeln. Der kargen Orchestereinleitung folgt ein geistreich zugespitztes Allegro. Düstere Wolken lasten auf dem Hauptthema des zweiten Satzes. Haydn befand sich bei seiner „Paukenwirbel“- und „Uhren“-Sinfonie auf dem verdienten Höhepunkt seiner Karriere. Virtuos verknüpft er in diesen Werken altes kontrapunktisches Denken mit zeitgemäßer Harmonik. Er paart Anspruch mit Kurzweil, präsentiert für damalige Verhältnisse spektakuläre Ideen. In Haydns Sinfonie Nr. 103 bekommt das Publikum einen genialischen Eindruck davon, wie es sich bei der Premiere angefühlt haben könnte – als dies alles noch neu und aufregend war.