Klassik-kritik

Schmerzvolle Höhen und zum Schluss ein Aufschrei

DSO spielt Olivier Messiaens „Vergessene Opfer“

In den Maschinenraum der Unfreiheit begibt sich das Deutsche Symphonieorchester mit seinem Programm, das mit Kompositionen aus den 30er-Jahren beginnt. Tugan Sokhiev gestaltet Olivier Messiaens „Vergessene Opfer“ als Anordnung von Energiefeldern. Vladimir Spivakov interpretiert es. Der in Zürich lebende russische Geiger hat schon alles gesehen, schon überall gespielt, seine Lebensentscheidungen getroffen; das strahlt er aus. Er kommt auf die Bühne, um zu wirken, aber vielleicht nicht mehr, um etwas zu be-wirken.

Das hinterlässt einen faden Geschmack. Sein schlankes, beherrschtes Vibrato ist wunderbar und groß. Visionär, als Ausdruck des Freiheitskampfes der Tschechoslowakei 1939, wie der Komponist den ersten Choralsatz geschrieben hat, doch mit der Kühle des Wissens um den Verlauf der Geschichte hebt sich die Solovioline über das Streichorchester. Vladimir Spivakov tritt sehr schnell ein in eine individuelle Freiheit, die ihn loslöst vom Orchester. Die Geige spricht in eindringlichen, schmerzvollen Höhen, teilweise löst sich der Musiker gar von der Einschränkung der Intonation, zugunsten des Trauerausdrucks, dem sich niemand verschließen kann. Er zieht sichtbar Energie aus dem, was das Orchester anbietet, hebt sich wieder heraus. Doch am Ende lässt er die anderen Musiker auch hinter sich, was den Finalsatz ein wenig verdirbt. Der letzte Ton ist ein Aufschrei der Geige, der durch Mark und Bein geht. Aber wie ehrlich gemeint ist so eine Äußerung, wenn es dann nicht die kleinste Geste zum Orchester gibt, nicht mal einen Händedruck für den Konzertmeister?

Reisefieber spürt man in Beethovens Symphonie Nr. 3, denn damit fliegt das Deutsche Symphonie-Orchester am nächsten Tag nach Südkorea und Japan, auf seine letzte Konzerttournee mit dem scheidenden Chefdirigenten. „Lasst uns sehen“, scheint Tugan Sokhiev seinen Musikern zuzublinzeln, „wie viel ich vorgeben muss und aus wie wenig ihr diese Musik gestalten könnt.“

Die Symphonie ist ein Feuerwerk der nonverbalen Kommunikation. Oft lässt der Dirigent seinen Blick nur schweifen, hebt allenfalls eine Schulter oder die Augenbrauen. Den zweiten Satz nimmt er fast didaktisch langsam, sodass erste Geigen und Blechbläser fast auseinanderbrechen oder die Kontrabässe um ein Haar zurückbleiben. Aber das Pulshafte von Beethovens Musik wird umso deutlicher, atemlos spürt man, wie die ganze Trauer des ersten Konzertteils einen noch einmal übermannt. Der dritte Satz wird wie ein guter alter Freund umarmt, man ist schon an Bord eines Reisebusses und bewundert die Postkartenmotive, die Beethoven allen Stimmen des Orchesters eingeschrieben hat.