Konzert-Kritik

Anna Prohaska macht aus 12 Cellisten eine Wilde 13

Das Philharmoniker-Dutzend im Tango-Rausch

Sind die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker in die Jahre gekommen? Oder weckt der Neue auf Position eins Beschützerinstinkte im Rest des Ensembles? Insgesamt geht der Klang der Gruppe weniger ins Kräftemessen. An Bruno Delepelaire liegt es nicht. Nach einem Jahr als 1. Solocellist des Orchesters hat er sein Können längst bewiesen, führt er die Zwölf zwar zuweilen sanft, aber bestimmt. Abwechselnd mit Ludwig Quandt, der im Cellistenhalbkreis neben ihm sitzt. Delepelaire bietet eine kühle Eleganz an, der man sich kaum entziehen kann. Aber zu Gabriel Faurés Orchestersuite „Pelléas et Mélisande“, wie so viele andre Stücke dieses Abends für Violoncello-Ensemble arrangiert von David Rinker an Celloposition zehn, passt dieser Ausdruck nicht ganz. Das Geständnis einer verbotenen Liebe wirkt zu distanziert. Und auch Heitor Villa-Lobos’ „Bachianas brasileiras“ wirken wie Volkstänze im Nebel. Alles ist wie von den 12 Cellisten gewohnt meisterlich gespielt, aber die Berliner Fangemeinde im ausverkauften Großen Saal kommt nicht ganz heran an ihr geliebtes Ensemble.

Anna Prohaska küsst sie wach. Aus Zwölfen eine Wilde 13 zu machen, ist eine ihrer leichtesten Übungen. Sie fegt den philharmonischen Nebel zur Seite, greift sich gleichzeitig die gebotene Eleganz und wird für Villa-Lobos zur brasilianischen Straßengöre an der Seine. Sie kann ihr Timbre anrauen, wenn sie will, und hält ihre Stimme doch traumhaft biegsam, flirtet im Abendkleid, während sie von Urwaldvögeln singt. Alle Introvertiertheit ist auch aus dem Klang des Ensembles verschwunden.

Für den zweiten Teil des Abends haben die 12 Cellisten ausschließlich Tangos ausgesucht. Astor Piazzollas „Libertango“, den das Ensemble seit Jahren im Programm hat, klingt noch etwas nach angezogener Handbremse, aber schon bald geben sich die Musiker voll in den Tango Nuevo hinein. Ludwig Quandt vergleicht Piazzolla mit Beethoven, beide seien Visionäre gewesen. Das Tanzpaar Laura Fernández und Daniel Orellana schenkt dem Konzert zusätzliche visuelle Anreize, doch wirken die Scheinwerfer, die sonst 100 Musikern Licht aufs Notenpult strahlen, für Tänzer wenig schmeichelhaft. Und zwei Paar quietschender Lackschuhe stören die zuweilen subtile Musik mehr als sie sie bereichern. „Soledad“ ist der Höhepunkt des Abends. Hier endlich ist die ganze Klangqualität der 12 Cellisten voll entfaltet. Das Arrangement für zwölf Solisten fächert sich in eine perfekte Dolby-Surround-Verteilung auf.