Theater

Ansichten über den Tod: Böses, Banales, Bewegendes

„100 Sekunden (wofür leben)“ im Deutschen Theater erzählt die Geschichten der Menschen vom Ende her

Aufs Klavier gekommen: Camill Jammal und Wiebke Mollenhauer

Aufs Klavier gekommen: Camill Jammal und Wiebke Mollenhauer

Foto: Arno Declair

Sie starben für den Herrscher, für die Liebe, für den Glauben, für die Freiheit, für die ganz große Sache. Oder für das, was sie dafür hielten. Genau 48 solcher Leben hat Regie-Shootingstar Christopher Rüping für seinen Uraufführungsabend „100 Sekunden (wofür leben)“ aus der Literatur, der Historie und der Gegenwart zusammen gesucht, Menschen im Gerüst der vom Schicksal verordneten, meist aber selbst gewählten Sinnverbindlichkeit. Jedem spendiert er die gleiche Erzählzeit, 100 Sekunden für ein Leben.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters sind ihre Bühne, wir, die Zuschauer, sitzen auch auf dieser Bühne, auf lose zusammen gerückten Stühlen, die Märtyrer in unserer Mitte. Vier Schauspieler erzählen diese Geschichten, sachlich resümierend zunächst. Sie berichten von Fatma Al Neijar, die sich von der Hamas rekrutieren ließ und mit 74 Jahren in die Luft sprengte und von Sandra aus dem Ruhrgebiet, die ihren Eltern in einem Brief ausrichtete, sie sei nach Syrien gegangen, um im Dienste des IS zu kämpfen. Eine Megafonstimme zählt dazu nüchtern den Countdown der verbleibenden Erzählzeit herunter und markiert die Deadline mit einem deutlichen „Stop!“. Zunehmend aber versuchen die Geschichten, sich aus diesem Korsett zu befreien, sie rebellieren und fordern ihr Recht, gehört zu werden. Die Darstellungen werden szenischer, dialogischer.

So aussehen zu wollen wie Ken – auch das ist eine Leistung

Zur Halbzeit öffnet sich der Vorhang zum Zuschauerraum, wir blicken ins gleißende Jenseits der Helden und Märtyrer, weitere erbitten Einlass, wollen wie Johanna von Orléans oder wie Mohamed Bouazizi, der mit seiner Selbstverbrennung den arabischen Frühling mit auslöste, Mitglied in diesem exklusiven Club werden, auch wenn ihre Lebensleistung wie etwa bei dem Brasilianer Celso Santebanes darin bestand, sich so vielen Schönheits-OPs zu unterziehen, bis er Barbies Ken möglichst ähnlich sah.

Christopher Rüping stellt Magda Goebbels, die ihre Kinder vergiftete, um sie vor einem Deutschland ohne Hitler zu bewahren neben den Philosophen André Gorz, der sich gemeinsam mit seiner schwer kranken Ehefrau umbrachte, damit keiner ohne den anderen weiter leben müsse. Er kombiniert Böses, Banales und wahrhaft Bewegendes ohne zu werten. Lässt dazu schwülstige Filmmusik aufspielen und ein paar Gute-Laune-Songs am Klavier. Gemeinsam mit den Darstellern (Katharina Matz, Wiebke Mollenhauer, Michael Goldberg, Camill Jammal) hat Rüping diese Stories erarbeitet. Wie oft bei ihm gerät das bisweilen etwas ausladend, es gibt Szenen, die den Ton einer verkicherten Kostüm-Party anschlagen und andere, die zu Tränen rühren. All das steht unkommentiert nebeneinander, so disparat, wie das Leben und das Sterben eben ist. Aber es bleibt, obwohl die Grundidee und die Darsteller überzeugen, doch auch ein bisschen beliebig, weil die einzelnen Szenen keine echte, einander kommentierende Beziehung miteinander eingehen.

Vermutlich, weil Rüping kein Richter sein will über das, was Menschen als sinnstiftend empfinden. Zumal in Zeiten, in denen der Überbau der großen gesellschaftsübergreifenden Überzeugungen bröckelt und der Einzelne zunehmend seine eigenen Utopien sucht, so absurd sie allen anderen auch erscheinen mögen. Am Ende wechselt auch das Publikum in den Zuschauerraum, auf unseren leeren Stühlen, die auf der Bühne verbleiben, stehen jetzt Kerzen und senden die Frage nach dem, was von uns bleiben wird, in die Stille.

Wieder am 22.10. und 24.10., 20.00 Uhr, Deutsches Theater, Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Kartentel. 28 441 225