Kultur

„Die schwerste Disziplin ist das Lied“

Freund der kleinen Form: Der Barenboim-Zyklus startet heute mit Bariton Michael Volle

„Dass ich einmal einen Liederabend mit Daniel Barenboim geben würde, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt“, sagt Michael Volle. Auf seinem Terminplan stehen die großen Opernhäuser von Mailand, New York, London und Paris. Aber für den Bariton ist die Einladung zum Auftakt des Barenboim-Zyklus etwas Besonderes. Mit dem Dirigenten Barenboim hat Volle in den vergangenen Jahren oft zusammengearbeitet. Den Pianisten Barenboim hat er bisher nur als Konzertbesucher und bei einer Geburtstagsparty erlebt. „Er probt sehr ernsthaft und intensiv, was ich bei seinem vollen Kalender gar nicht erwartet hatte“, erzählt er. Am heutigen Montag im Schiller Theater stehen die „Vier ernsten Gesänge“ von Johannes Brahms, Heine-Lieder von Robert Schumann und Hugo Wolfs Mörike-Lieder auf dem Programm.

Im August ist Michael Volle mit seiner Familie nach Kleinmachnow gezogen. Die Staatsoper und ihr Leiter haben ihn gelockt: „Daniel Barenboim hat gesagt, er wolle mir hier die künstlerische Heimat bereiten. Das nehme ich sehr gerne an.“ In dieser Spielzeit ist er an der Staatsoper als Holländer, Wotan und Scarpia zu erleben. Michael Volle ist nicht nur ein großer Sänger, sondern auch ein begnadeter Darsteller, der in seinen Rollen ganz und gar aufgeht. Von seinem Bruder, dem Schauspieler Hartmut Volle, hat er viel über Wahrhaftigkeit in der Rollengestaltung gelernt.

Im deutschen Fach, mit Wagner und Strauss, ist er auf der ganzen Welt gefragt. Er leidet etwas darunter, dass ihm die italienischen Opern seltener zugetraut werden. In Berlin ist das kein Problem. Auch an der Deutschen Oper singt er in dieser Spielzeit „Tosca“ und „Salome“. Über die Engagements an zwei konkurrierenden Häusern möchte er möglichst wenig nachdenken. Auch die Komische Oper würde ihn interessieren. Spätestens 2017 begegnet er ihrem Leiter Barrie Kosky bei der gemeinsamen Arbeit an den „Meistersingern von Nürnberg“ in Bayreuth.

Der Pfarrerssohn Michael Volle ist ein Familienmensch, deshalb möchte er gern möglichst oft in seiner neuen Wahlheimat singen. „Es ist so schön, wenn man nach der Vorstellung nach Hause zu seinen Lieben kommt und nicht ins kalte Hotelzimmer muss. Die Familienunfreundlichkeit ist der Pferdefuß an diesem wunderbaren, erfüllenden Beruf.“ Ungewöhnlich lange war Michael Volle deshalb Mitglied in verschiedenen Opernensembles, zuletzt an der Bayerischen Staatsoper München. Erst 2011 hat er sich selbstständig gemacht.

Die beiden Kinder im Vorschulalter müssen bei der Nanny bleiben, wenn die Eltern durch die Welt reisen. Denn seine Ehefrau Gabriela Scherer ist Opernsängerin. Nach der Kinderpause ist sie nun wieder ins Berufsleben gestartet. Sie singt auch an der Deutschen Oper. Die beiden Sänger, die sich 2007 bei einer „Falstaff“-Produktion in Baden-Baden kennen gelernt haben, stehen am liebsten zusammen auf der Bühne.

Eindimensionale Charaktere sind ihm eigentlich viel zu langweilig. Lieber sollen Falstaff, Jago, Simone Boccanegra, Macbeth und Nabucco seine nächsten Rollendebüts werden. Daneben wird er immer gern Liederabende geben. Für ihn gibt es keine größere Herausforderung, als ohne Schminke, Kostüm und Bewegung vor dem Publikum zu stehen. Lieder betrachtet er als Miniaturopern. „Die schwerste Disziplin ist das Lied“, sagt er sogar. „Für mein Leben ist diese kleine Form eine unendliche Bereicherung.“

Mo, 19. Oktober, Schiller Theater, 20 Uhr