Theater

Endlich sagt es einer: Nichts bekommt man auf die Reihe

Sind die anderen etwa waghalsiger, cleverer, origineller? Bei „Ipsagon“ im Ballhaus Ost wird man Teil des Stücks

Eine Inszenierung mit Henrik Ibsens Helden und Heldinnen, die sich immer an der Kippe zum Aussenseitertum bewegen

Eine Inszenierung mit Henrik Ibsens Helden und Heldinnen, die sich immer an der Kippe zum Aussenseitertum bewegen

Foto: Nofourthwall

Was war das denn gerade? Man steht im Regen auf der Pappelallee, die Passanten schauen einen komisch an. Vermutlich, weil man selbst sie die ganze Zeit komisch anschaut. Werden sie auf einen zukommen, einen anlächeln, ausfragen, beleidigen? Ist das Asphalt unter ihren Füßen oder eine Bühne? Oder sind das doch nur Nachwirkungen des Stücks, das man eben im Ballhaus Ost gesehen hat? Wobei es "Stück" nicht wirklich trifft. Und "gesehen" auch nicht. "Ein transdisziplinäres Theaterlabyrinth" nennt die international besetzte Performancegruppe No Fourth Wall ihr szenisches Arrangement "Ipsagon". Und wenn man sich rechtzeitig anmeldet ist man nicht nur Zuschauer, sondern Teil des Geschehens. Eins zu eins wird man durch Zimmer geleitet, in sehr glaubhafte, teils abstrakte, teils intime Situationen reingezogen.

Gut habe man sich gehalten, für das Alter

Da steht eine kleine Frau in buntem Federkleid. Kindlich wirkt sie, zugleich unnahbar und souverän, und erzählt einem auf Englisch, wie gut man sich gehalten habe für sein Alter. Das ist nett von ihr. Barfuss steht sie auf einer Art Wippe. Was soll man tun? Sich dazustellen, die Balance der Körper verändern? Ganz nah ist man ihr, sie spricht einem direkt ins Gesicht. Was für ein Idiot man sei. Dass man ja gar nichts auf die Reihe bekomme. Wie alle Männer. Jiwoon Ha spielt das so unverblümt, dass man einen Moment lang nicht sicher ist, ob sie einen nicht bereits kennt. Ob im Vorfeld Recherchen betrieben wurden, alle Fehler, die man je begangen hat, ans Licht kamen. Dann aber dämmert einem: Das sind Textteile aus Ibsen-Stücken.

Wie die ganze Inszenierung Henrik Ibsens Helden und Heldinnen, die sich immer an der Kippe zum Aussenseitertum bewegen, als Vorlage nimmt, um Fragen nach Individuum und Gemeinschaft zu verhandeln, nach Möglichkeit und Grenzen von Kollaboration. Was auf Nachfrage bei der Dramaturgin Henrike Kohpeiß nach einem langen Reflexionsvorgang bei Regisseurin Adela Bravo Sauras und ihrem Team klingt (1 ½ Jahre Planungszeit, ein Konzept pro Raum, drei Wochen Probe) wird am Abend zu einer schlagartig sinnlichen Erfahrung von Nähe, Aggressivität und Offenheit.

Es geht hier auch um Machtspiele

Wenn man zwischen Glenn Crossley und Christian Wagner in einem der mit schlichten Holzwänden unterteilten Waben steht, und sie wissen wollen, was denn eben geschehen sei, als man hereinkam, dabei um einen herumgehen, einen umschmeicheln, wieder ignorieren, merkt man: Es geht hier auch um Machtspiele, um Deutungshoheit. Wer hat das Recht, festzulegen, was "eine wahre Geschichte" ist, und wie geschieht das eigentlich konkret, in der Interaktion von Einzelnen? Man mischt sich ein in diese Ibsen-Fetzen, wird zum Komplizen gemacht, gerät zwischen die Fronten. Eine fast sadistische Bedrohlichkeit liegt über dieser Szene. Gut, dass man nebenan von Katharina Czuckowitz in ein eher lockeres Gespräch verwickelt wird darüber, was Helden in heutiger Zeit sind, ob es so was überhaupt noch gibt.

Jede Station von "Ipsagon" hat einen eigenen Charakter. Die Spannungen variieren, Art und Intensität der Involviertheit. Susana Sarhan AbdulMajid darf man zusehen, wie sie Ibsens Nora in einem Käfig spielt, dazu auf Arabisch singt. Wenn Dorothee Krüger oder Adela Bravo Sauras selbst einen hingegen einladen, von ihrem nur mit Reispapier bedeckten Körper zu essen, muss man sich schon mit einer Gegeneinladung revanchieren. Dabei schauen einem Augenpaare zu, durch Schlitze in den Wänden.

Und man selbst kann nach diesem Erlebnisparcours Blicke auf die folgenden Teilnehmer werfen. War man wirklich so individuell gemeint, wie man sich fühlte, oder nur Partikel einer Prozedur? Sind andere Leute waghalsiger, cleverer, origineller? Erst mit dem gottgleichen Blick von der Galerie des Ballhaus herab in die oben offenen Waben verlieren sich diese Kleinheiten. Man erkennt Verführung und Vorführung, Dialoge in Bewegung. Man sieht die Grenzen von Zuschauer und Schauspieler verschwinden.

IPSAGON, A Transdisciplinary Theatre Labyrinth. Featuring Excerpts from Henrik Ibsen's Dramatic Works. bis 18. Oktober 2015, 17:00 h to 23:00 h, Ballhaus Ost Berlin , Pappelallee 15, 10437 Berlin, Tickets: karten@ballhausost.de, 030/ 44039168

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