Tagebücher 1939-45

Astrid Lindgren - "Schade, dass niemand Hitler erschiesst"

Pippi Langstrumpf im Krieg: In ihren Tagebüchern von 1939 bis 1945 dokumentiert Astrid Lindgren deutschen Faschismus und schwedischen Alltag.

Auszug aus dem Tagebuch von Astrid Lindgren

Auszug aus dem Tagebuch von Astrid Lindgren

Foto: repro: Andrea Davis Kronlund/Kungliga Biblioteket/National Library of Sweden / Lindgren Estate

Am 3. Oktober 1939 schreibt eine 32-jährige schwedische Hausfrau in ihr Tagebuch: „Schade, dass niemand Hitler erschießt.“ In demselben Eintrag vermerkt sie, dass die Deutschen schwedische Schiffe versenken, dass England und Deutschland über Frieden verhandeln, aber auch, dass Schmierseife knapp wird und sie kein weißes Nähgarn mehr auftreiben kann. Ein paar Jahre später, es ist Juli 44, schreibt sie an einem Tag, wie ihre Tochter vom Fahrrad fällt und sich das Knie blutig schlägt und am nächsten „Blut fließt, Menschen werden zu Krüppeln, überall Elend und Verzweiflung“. Große Politik, Banalität des Alltäglichen und das unendliche Leid des Zweite Weltkriegs, all das existiert in diesen Tagebüchern nebeneinander, die jetzt unter dem Titel „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ erschienen sind. Dieses Nebeneinander macht den besonderen Reiz dieses Bandes aus. Selbst wenn man viel über den Krieg gelesen hat, dieses Buch eröffnet nochmal eine neue Perspektive.

„Heute haben die Deutschen den englischen Kanal erreicht“

Ihre Verfasserin wird nach dem Krieg die bekannteste Kinderbuchautorin der Welt werden. Doch in den Jahren 1939 bis 1945 war Astrid Lindgren noch eine unbekannte Frau, die ungewöhnlich genau die Lage der Welt beobachtete, ohne dabei Sorgen und Glück ihrer eigenen Familie aus den Augen zu verlieren. Am 21. Mai 1940, am Geburtstag der Tochter, schreibt sie: „Heute ist Karin sechs geworden. Heute haben die Deutschen den englischen Kanal erreicht. Und heute kam der Sommer, wunderbar, schmerzhaft schön, ihn zu betrachten.“ Sie genießt die Natur aber sie leidet darunter, dass Karins Vater nicht dabei sein. Er ist Soldat und in Schweden herrscht Ausgehverbot. „Der Grund dafür ist vermutlich die Durchmarscherlaubnis, die die Deutschen gefordert haben.“

Schweden ist im Krieg weitestgehend neutral geblieben. Das Land wurde nicht angegriffen, nicht besetzt und nicht zerbombt, es hat still gehalten, hat, auch das schreibt Lindgren, in gewisser Hinsicht von dem Krieg profitiert. Sogar auf privater Ebene, durch das gestiegene Gehalt ihres Mannes Sture beispielsweise. Lindgren empfindet dadurch aber weder Genugtuung noch Überlegenheit. Im Gegenteil. Am 29. November 1943 sorgt sie sich auch um die Menschen in Deutschland. „Ich frage mich, wie sich die Berliner vor dem nahenden Weihnachtsfest fühlen. In dieser Woche hat die totale Bombardierung Berlins angefangen. Ein Stadtviertel nach dem anderen wird zerstört. Ein schrecklicher Gedanke.“

„Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben“

Lindgrens Blick auf den Krieg ist von Mitleid geprägt. Schon in der Silvesternacht 1939 kreisen Lindgrens Gedanken um die Verantwortung der anderen Länder Europas: „Mit Beginn des neuen Jahres schaut man zitternd in die Zukunft. Soll Schweden sich heraushalten oder eingreifen?“ Die Neutralität beschäftigt Astrid Lindgren seit dem 1. September 1939 an dem sie ihr Kriegstagebuch beginnt. Ihr erster Satz könnte knapper nicht sein. „Oh!“, schreibt Lindgren. „Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.“ Und: „Über allem und allen liegt eine furchtbare Beklemmung.“ In diesem anfänglichen „Oh“ liegt bereits viel von dem Entsetzen, dem Staunen und der Hilflosigkeit, die den Ton dieser Kriegstagebücher prägen werden.

Hitler und seine Aggressionen sieht sie von Anfang sehr klar. Dennoch macht ihr Angesichts des brutalen Vorgehens der Russen gegen Finnland der Stalinismus zunächst deutlich mehr Angst. „Und dann glaube ich, sage ich lieber den Rest meines Lebens ‚Heil Hitler’, als den Rest meines Lebens Russen bei uns zu haben. Etwas Entsetzlicheres kann man sich gar nicht vorstellen.“

„Hitler beabsichtigt, Polen in ein einziges Ghetto zu verwandeln“

Doch von Entsetzlichem soll sie bald noch mehr erfahren. Ab 1940 rückt Lindgren noch näher an das Kriegsgeschehen heran. Sie übernimmt einen „Schmuddeljob“, wie sie selbst es nennt. Im Auftrag des schwedischen Nachrichtendienstes liest Lindgren deutsche Post. Einige Briefe schreibt sie - entgegen der Vorschriften - ab und dokumentiert sie in ihrem Tagebuch. Die Briefe beschäftigen sie. „Heute hatte ich einen sehr traurigen Brief von einem Juden.“ Der Schreiber schildert die schrecklichen Umständen, unter denen die Nazis die Wiener Juden nach Polen transportieren. „Hitler beabsichtigt offenbar, ganz Polen in ein einziges Ghetto zu verwandeln, in dem die Juden an Hunger und Dreck sterben.“

Manchmal versagt angesichts der Lage der Welt selbst die Stimme dieser großen Autorin. „Ich habe keine Kraft mehr, über all dieses Elend zu schreiben“, notiert sie in der Karwoche 1942. Da ist der Frieden noch weit weg. In dieser Zeit beginnt sie, ihrer häufig kranken Tochter von einem sehr mutigen, starken und außergewöhnlich ungezogenen Mädchen zu erzählen. Pippi Langstrumpf. Das Manuskript bekommt Karin zum zehnten Geburtstag geschenkt.

Astrid Lindgrens Geschichten über die Brüder Löwenherz, die Kinder aus Bullerbü, Michel aus Lönneberga, diese Mischung aus ländlichen Idyll und kindlichen Fluchten, prägt bis heute abertausende von Kindheiten. Dieser leicht verträumte Humor, mit dem sie das Leben betrachtet, hat sich Lindgrens Lesern für immer eingeprägt. Dass ausgerechnet ihre berühmteste Figur, die Pipplilotta Viktualia Rollagardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, ein Kind dieses Krieges ist, wirft ein neues Licht auf diese Kinderliteratur. Alleine deswegen schon lohnt sich die Lektüre der Tagebücher. Die Geschichten von Mio und Pippi, von Lasse und Britta, sie nehmen in ihren Anfang in einem Moment, als ihre Erfinderin ihr eigenes Kind beschützen wollte, vor dieser Menschheit ohne Verstand. Bullerbü ist nicht allein eine ländliche Idylle. Es ist vor allem eine Gegenwelt. Eine, die noch immer wirksam ist.

Astrid Lindgren, Die Menschheit hat den Verstand verloren, Tagebücher 1939-1945, Ullstein Verlag, 573 Seiten