Kultur

Die Staffelei im Kinderwagen

Filmemacher Randall Wright zeigt Leben und Werk des exzentrischen Künstlers David Hockney

Ein wenig schüchtern schaut David Hockney in die Kamera, als er zum Schluss in seinem Garten den Swimmingpool zeigt. Alles sieht tatsächlich so aus wie auf seinen berühmten Sommer-Sonne-Bildern, ohne die Kalifornien nicht mehr zu denken ist: stahlblau leuchtendes Wasser im Bassin, Palmen vor Himmel, die Fenster des Hauses sind blau gestrichen, zitronengelb das Geländer der Treppe. Hier in Malibu malte er jene Bilder mit dem „Splash“, den Wasserspritzern, die entstehen, wenn jemand ins Wasser springt. Sieben Tage brauchte er manchmal nur für diese weißen Spritzer. Ansonsten ist Hockneys Prinzip für seine Malerei simpel, er nimmt einfach Motive aus der unmittelbaren Umgebung auf: Er malt Freunde und Liebhaber, gern auch Blumen, seine Hunde, sein Haus und die Zimmer, wo er sich auf Reisen aufhält. „Ich male“, sagt Hockney britisch trocken, „was ich mag, wann ich mag und wo ich mag“.

Für seine Filmdoku folgt Randall Wright dem britischen Künstler durch dessen Bohème-Leben. Es ist nicht die erste Dokumentation, aber die längste. Ganz klar, Wright mag und kennt Hockney, jedenfalls gibt es nicht einen kritischen Ansatzpunkt, und so begegnen wir einem rundum sympathischen Künstler, einem der großen Maler der Gegenwart, der altersmilde wurde.

Und doch ist keine einzige Minute des Films langweilig, Wright hat Glück, dass Hockney sich in jungen Jahren exzessiv gefilmt und seine Arbeit auch dokumentiert hat. Die Kamera zoomt regelrecht in die Farben und Bilder hinein, tastet Linien und Flächen wie mit dem Pinsel ab, um dann die Orte zu zeigen, wo sie entstanden. Man sieht an diesem Wechselspiel auch ziemlich gut, wie stark Hockney vom Kino und den bewegten Bildern beeinflusst ist. Dazu kommen jede Menge recht private Interviews von Freunden und Kollegen aus dem damaligen Kunstbetrieb. Cecilia, die glaubt, Hockney sei mal in sie verknallt gewesen, ihre Poform im strengen Hosenanzug gefiel ihm dann aber doch nicht. Das amüsiert sie noch heute. Geliebt aber hat Hockney wohl den dunkelblonden Peter Schlesinger. Später gibt es Henry Geldzahler, New Yorker Museumsmann, seelenverwandt, älter, Ratgeber und Förderer in jeder Lage, etwa, wenn David mal wieder an einer depressiven Verstimmung leidet.

In Bradford, wo Hockney aufwuchs, muss die Enge bedrückend gewesen sein. Er setzte sich eine Melone auf, zog eine Stoffhose an, packte Pinsel und Staffelei in einen Kinderwagen und fuhr zum College. Klar, dass alle guckten, aber was interessierten ihn die Nachbarn? Sein alter Künstlerfreund David Oxtoby bewundert das immer noch: „Das hätte ich nicht gekonnt“. Hockney hat wilde Zeiten erlebt, heute sei die Bohème tot, bedauert er. Auch weil es Aids gab, in den 80er- und 90er-Jahren verlor er zwei Drittel seiner Freunde.

Als er Ende der 50er-Jahre nach London an die Kunstakademie geht, tritt er im Nadelgestreiften im Atelier an, setzt sich in die Ecke und zeichnet. Nicht gerade das, was im Swinging London als schick galt. Expressive Abstraktion war angesagt, aber kein Bleistift. Im zweiten Studienjahr geht er nach New York, für 10 Pfund verkauft er seine Bilder, um sich in den USA durchzuschlagen. Jahre später lockt ihn L. A., über Jahrzehnte seine Wahlheimat. Seit einigen Jahren hat Hockney, heute 78, ein neues Spielzeug für sich entdeckt: erst sein iPhone und dann das iPad. Er telefoniert nicht oft damit, sondern malt darauf kleine Miniaturen. Blumen sind zu sehen, aber natürlich auch ein Swimmingpool.

Weitere Filmkritiken lesen Sie in unserer Beilage „Berlin live“