Theater

Die Renaissance der Chormusik in der Komödie

| Lesedauer: 6 Minuten
Georg Kasch
Kirchenchor als Lebensschule: „Wie im Himmel“ mit Georg Münzel als zweifelnder Dirigent

Kirchenchor als Lebensschule: „Wie im Himmel“ mit Georg Münzel als zweifelnder Dirigent

Foto: G2 Baraniak

„Wie im Himmel“ war im Kino ein Publikumserfolg. Nun ist das Stück auf der Bühne zu sehen.

So anders sieht es auf einem guten Chor-Workshop auch nicht aus: Da klopfen sich die Sänger einander den Rücken locker, finden sie ihren Grundton, lernen, ihren Körper zu spüren. Dazu legen sie sich auf den Boden, den Kopf jeweils auf dem Bauch des Nebenmanns. Auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm besitzt das eine wunderbare Natürlichkeit: Mit leiser, freundlicher Stimme erklärt Chorleiter Daniel seinen sechs überraschten, auch noch etwas zögerlichen Sängern, was er von ihnen will, als ob es wirklich nur ihnen gelte und nicht auch dem Publikum.

Die Szene gehört zu den intimsten in „Wie im Himmel“, der Bühnenversion von Kay Pollacks schwedischem Kino-Hit des Jahres 2004. Der Film war für einen Auslandsoscar nominiert und ein großer Publikumserfolg. Denn die Geschichte um den berühmten Dirigenten Daniel Daréus, der durch einen Herzinfarkt aus der Bahn geworden wird und in sein Heimatdorf zurückkehrt, um sich selbst zu finden und dabei den Kirchenchor zu einer Lebensschule macht, trifft mitten ins Herz.

Glaubenszweifel und Kirchenkritik

Auch in der Bühnenversion noch, die notgedrungen Abstriche machen muss: Während der Film die schwierige Kindheit Daniels – als Junge wird er gehänselt und getriezt, später stirbt seine Mutter bei einem Unfall, an dem er sich selbst die Schuld gibt – und sein Aufstieg als Violinvirtuose und Dirigent in schnellen Schnitten gezeigt wird, muss Georg Münzels Daniel hier das alles erzählen. So braucht die Inszenierung von Axel Schneider, die am Hamburger Altonaer Theater entstand und nun in Berlin gezeigt wird, eine Weile, um spannend zu werden.

Doch dann trifft Daniel auf den Chor. Zuerst besteht der nur aus einer Hand voll Schauspieler, später kommen nach und nach zehn Frauen hinzu, die sich mit einer Begeisterung in die Gesangsnummern stürzen, dass man hofft, es mögen noch viele Lieder folgen. Hinreißend singen sie „Hallelujah“, den hundertfach gecoverten Leonard-Cohen-Klassiker, halb Glaubensringen, halb Liebeslied, dazu dieser sehnsüchtige Refrain, der einem nicht aus dem Ohr geht. Der Titel stammt nicht aus dem Film, passt aber wunderbar, weil es wie bei Pollack um Glaubenszweifel und Kirchenkritik geht. Anders „Gabriellas Lied“, der himmelstürmende Mutmach-Song: Alice Wittmer singt diese Ode an das Gute im Menschen strahlend am Mikrofon – eine der wenigen Eins-zu-Eins-Übertragungen aus dem Film, den sich die Inszenierung gestattet.

Wie eine Spritze mit Adrenalin

Dass der Chor und die Musik diese Inszenierung tragen, ist in mehrfacher Hinsicht bezeichnend. Zum einen lässt sich weltweit eine Renaissance der Chormusik beobachten. 2500 Laienchöre gibt es allein in Berlin – zwischen Klassik, Pop und Jazz, Herrengesangverein und Jugendensemble ist die Auswahl riesig. Simon Halsey, der bis zum vergangenen Mai den Rundfunkchor Berlin leitete, nennt im Programmheft Chöre eine „Begeisterungsmaschine“, „eine ganz körperliche Angelegenheit“. Henning Scherf, früher Bremens Bürgermeister, heute Präsident des Deutschen Chorverbands, fühlt sich nach den Proben so euphorisch, „als hätte ich eine Spritze mit Adrenalin verpasst bekommen“.

Zum anderen haben auch die Sprechtheaterbühnen den Chor längst als emotionalen Glutkern für sich entdeckt. Bei Christoph Marthaler gehört das mehrstimmige Singen schon lange dazu, zuletzt in „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“ an der Volksbühne, wo die Schauspieler etwa Helene Fischers „Atemlos“ zu berührender Schönheit veredeln. In den Arbeiten von CapriConnection wie „Ars Moriendi“ und „Ars Vivendi“, die am HAU gastierten, geht ein Großteil der Wirkung aufs Konto der Schola Cantorum Basiliensis. Und die polnische Regisseurin Marta Górnicka treibt in Abenden wie „Magnificat“, das bei Foreign Affairs zu sehen war, das Chorprinzip auf die Spitze, weil die Chor-Mitglieder singend und sprechend alleine stemmen. Aber auch Laienchöre werden immer wieder auf die Bühne geholt, wie der Chor der werktätigen Volksbühne, der wesentliche Partien in Frank Castorfs „Meistersinger“- und „Maßnahme/Mauser“-Inszenierung bewältigte.

Verwundete Herzen heilen

Dabei kommt es in den Chören ja bei weitem nicht nur auf die Auftritte an, sondern auch auf den Probenprozess. In „Wie im Himmel“ nutzt ihn Daniel, um den Menschen nahe zu kommen, sie zu öffnen. „Musik ist entweder ein Ausdruck von Liebe oder ein Flehen um Liebe“, sagt er einmal. Er will mit Musik verwundete Herzen heilen. Was man Georg Münzels Daniel sofort abnimmt: In seinem Zögern, seinem Neben-sich-stehen wirkt er oft wie ein Fremdkörper, einer, der sucht, zweifelt, offen seine Wunden zeigt.

Dass er die Menschen im Dorf erreicht, dass sich gleich mehrere Frauen in ihn verlieben, dass er Gabriella die Kraft gibt, sich von ihrem Schläger-Mann zu trennen, ruft Neid hervor. Vor allem den des Pfarrers. Die Stärke von Pollacks Film ist es, in vielen Schlaglichtern von den Schicksalen im Dorf zu erzählen und zu zeigen, wie sich das Leben der Sänger durch die Musik verändert. Das gelingt Schneiders Inszenierung nur bedingt: Bei Dirk Hoeners Pfarrer Stig ist von Anfang an klar, dass er eine verklemmte Nervensäge ist, die reine Verkörperung von Bigotterie. Und Holger Löwenbergs Schlägertyp Conny stolziert so grimmig über die Bühne, dass sein emotionaler Gitarrensong ziemlich überraschend kommt.

Immer dann also, wenn „Wie im Himmel“ den Fokus weglenkt von Daniel und seinem Chor, wirkt der Abend etwas unbeholfen auf Stephan Bruckmeiers Multifunktionsbühne, eine Mehrzweckhalle mit Spiegelwand und Turngeräten, die aber auch See sein kann und die Holzhack-Ecke vor Daniels Haus. Aber in den Chorszenen pulsiert die Inszenierung warm. Am wärmsten in der Zugabe, als alle noch einmal „Hallelujah“ singen und das Publikum einstimmt. Hier wiederholt sich auf wunderbare Weise das Film-Finale, wo am Ende die Zuhörer ins Improvisieren des Chores einstimmen und so eine Himmelsmusik entsteht, die nicht mehr nur Ausführende und Empfangende, sondern nur noch Singende kennt.

Theater am Kurfürstendamm, Charlottenburg, Kurfürstendamm 206/209, Karten: 030 - 88 59 11 88. Wieder 17.-25. Oktober