Theater-kritik

Krimi im Hau: Und am Ende stirbt die Ermittlerin

Irgendwas stimmt hier nicht. Eine Frau liegt im Krankenbett, ein Typ drängelt sich hysterisch vor, fummelt am Telefon neben dem Bett herum, diktiert einem unsichtbaren Mikrofon einen Aktenvermerk. Sein Kommentar: "Tot." Bezieht sich das jetzt auf die Frau? Oder aufs Telefon, dessen Hörer er ans Ohr hält?

Was hier eigentlich gespielt wird, bleibt unklar bis zum Schluss von "Toxik", dem neuen interaktiven Live-Game von machina eX. Im HAU 3 wird das Publikum zum Mitspieler: Zwischen Polizeibüro und Bar, Teehaus und Gartenlaube, Krankenhaus und Badezimmer folgen die zwölf Gäste den vier Schauspielern. Alles sieht schön versifft aus, angeranzt, was in Sachen Suspense schon mal die halbe Miete ist. Hier entspinnen sich Szenen, die in ihrer düsteren Unklarheit an die Serien und Filme von David Lynch erinnern: ein Live-Krimi, in dem das Publikum 90 Minuten lang dafür verantwortlich ist, dass einzelne Aufgaben gelöst werden. Text und Handlung stammen von Martin Ganteföhr, einem großen Namen der Games-Szene, der Spiele wie "Overlocked" und "The Moment of Silence" miterfunden hat.

Vermutlich würde sich, wenn man am Ende alle Indizien zusammen hätte, auch eine klare Geschichte ergeben um die Morde im Teehaus und der Gartenlaube. Meine Gruppe allerdings versagt: Am Ende stirbt Frau M., die tapfere Ermittlerin mit dem panisch-bedröppelten Gesicht, in dem Bett, aus dem wir sie zu Beginn erlöst hatten. Vergiftet! Immer wieder reichen ihr die anderen Figuren – ein Ermittler, der den Fall am liebsten sofort schließen würde und Beweismittel vernichtet, der diabolische Typ mit den Aktennotizen, eine böse Einflüsterin – Tabletten und Pillen.

Soll man jetzt schon eingreifen? Vermutlich nicht: Erst wenn Frau M. einen Satz zu wiederholen beginnt, ist das das Signal für die Gruppe, auf Details zu achten und um die Ecke zu denken. Alles geschieht unter Zeitdruck – schnell hat man das Gefühl, überfordert zu sein, zumal die Schauspieler nur minimale Einblicke in den Fall genehmigen. Klar ist, dass hier was falsch läuft, dass Frau M. die Einzige ist, die seriös ermittelt, während alle anderen versuchen, den Fall zu vertuschen. Wenn Frau M. sagt: "Das sieht gut aus", ist man auf der richtigen Spur.

Spaß macht der Abend nur, wenn man sich hineinstürzt ins Aufgabenlösen, wenn man mitknobelt, Spuren sammelt, Dinge ausprobiert – gar nicht so leicht bei zwölf Leuten, die sich in den engen Kulissen drängeln. Entsprechend enttäuschend ist es dann allerdings auch, wenn die Gruppe versagt. Einmal soll etwa ein Code geknackt werden, wobei man erst mal verstehen muss, das hinter den Symbolen, die da im Stil eines 80er-Jahre-Computerspiels über den Bildschirm rieseln, ein System steckt. Bis man aber kapiert hat, dass ein Zusammenhang mit den Sportübungen existiert, die zeitgleich über einen Bildschirm flackern und wo der Schlüssel zu beidem steckt, ist die Zeit längst abgelaufen. Am Ende bleibt – neben der Lust am Spiel – die Erkenntnis, dass man gegen die Uhr nur erfolgreich sein kann, wenn man als Gruppe zusammenwächst und -hält.

HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, Karten: 030-25900427. 13.–17., 19.–21. Oktober

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