Entscheidung

Frank Witzel erhält den Deutschen Buchpreis 2015

Frank Witzel für "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" ausgezeichnet.

Ein Außenseiter hat gewonnen: Frank Witzel erhält den Deutschen Buchpreis

Ein Außenseiter hat gewonnen: Frank Witzel erhält den Deutschen Buchpreis

Foto: dpa

Größer hätte die Überraschung nicht sein können: Der Deutsche Buchpreis 2015 geht an den Schriftsteller Frank Witzel. Der 60-Jährige, in Wiesbaden geboren, in Offenbach seit einem Vierteljahrhundert lebend, war nicht der Kandidat, auf den man sein Geld gesetzt hätte.

Vorneweg lag in den Prognosen Jenny Erpenbeck, die Berlinerin, die mit „Gehen, ging, gegangen“ einen Roman über Flüchtlinge geschrieben und mit viel Empathie über das Leben nach der Flucht geschrieben hat, über all die vertane Zeit des Wartens. Ein bisschen tragisch ist diese Nicht-Berücksichtigung schon, hat sie doch bereits mehrmals die Finalrunden verschiedener Buchpreise erreicht. 2008 war sie für den Preis der Leipziger Buchmesse mit dem Buch „Heimsuchung“ auf der Shortlist, 2012 hat sie auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis mit „Aller Tage Abend“ gestanden.

Paranoia, Furcht und Geschichtsbeladenheit

Nun ist es also ein Außenseiter geworden: In seinem Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ zeichnet Frank Witzel auf höchst eigenwillige Weise ein reichlich grau anmutendes Bild der alten Bundesrepublik, die über viele Jahre eine Welt voller Paranoia, Furcht und Geschichtsbeladenheit war. Bei Witzel verzerrt sich diese Welt im Spiegelkabinett eines 13-jährigen Jungen, der sich selbst als Gründungsmitglied einer terroristischen Vereinigung imaginiert.

Auf 800 Seiten gedrängter und nicht selten Staunen machender Prosa zieht Witzel den Leser in einen fiebrigen Traum und bespielt dabei mit bemerkenswerter Konsequenz unterschiedliche literarische Spielarten. So wird aus einem Roman ein Leseabenteuer, das konventionell erzählte Teile, reine Dialoge, ein Drama wie im Theater, popkulturelle Essayistik und philosophische Traktate enthält.

Dabei ist dieses Werk höchst suggestiv und bei aller Bedeutungsschwere auch immer wieder witzig und ironisch, wenn auch am Ende vor allem ein Eindruck bleibt: Die seelischen Verheerungen des Pubertierenden spiegeln sich in ihrer Tragik auf faszinierende Weise im Wahn der Terrorrebellen, die seit Ende der Sechzigerjahre alle linken Ideale desavouierten.

In „Die Erfindung der Roten Armee durch einen manisch-depressiven Teenager“ findet der Autor starke und düstere Bilder für die Grundannahme, dass die gewaltvolle Geschichte der RAF vor allem eine Art Familienroman war. Es ist bisweilen meisterhaft, wie dicht Witzel das Motivgeflecht webt. Die angezweifelte Autorität des Vaters, die Sehnsucht nach dem anderen, die Befreiung in der Popmusik, der anklagende Blick auf die deutsche Geschichte: Das alles wird hier zum berauschenden Cocktail.

Ein Selbstläufer war dieser Roman nicht, die „Materialsammlung“ für den Roman habe 15 Jahre gedauert, und autobiografisch ist er ohnehin, schließlich ist er aus der Sicht eines 13-Jährigen im Wiesbadener Ortsteil Biebrich erzählt. Mit seinem Helden eint Witzel Geburtsjahr und Geburtsort.

Frank Witzel war schon „kurz davor aufzugeben“, hatte er der „Frankfurter Rundschau“ erzählt, da erhielt er für das unvollendete Manuskript den Robert-Gernhardt-Preis. Den getrockneten Blumenstrauß von der Preisverleihung hat er behalten, er sollte ein Glücksbringer sein, und da sage noch jemand etwas gegen Aberglauben.

Und dennoch muss man sich in dieses Werk aus vielen Fragmenten hineinarbeiten, und man muss sich immer wieder bemühen, auch in ihm drin zu bleiben. Der Titel war, zusammen mit Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“, der anspruchsvollste in der Finalrunde.

Beeindruckend ist das Statement, das die Jury mit dieser Kür abgibt: Sie wählt den literarisch hochtourigsten aller eingereichten Romane. Und sie belohnt einen Autor, der bislang quasi unbekannt war und der seine eigene Sozialisation literarisch fruchtbar macht. „Frank Witzels Werk ist ein im besten Sinne maßloses Romankonstrukt“, heißt es in der Begründung der Jury. Sie würdigt die Mischung aus „Wahn und Witz, formalem Wagemut und zeitgeschichtlicher Panoramatik“ und hob die „Einzigartigkeit“ des Werks in der deutschsprachigen Literatur hervor – „mit dem Deutschen Buchpreis wird ein genialisches Sprachkunstwerk ausgezeichnet, das ein großer Steinbruch ist, ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia.“