Kultur

„Jeder darf ihn anfassen“

So nahbar wie nie: In der Philharmonie wurde eine Büste des früheren Chefdirigenten Claudio Abbado eingeweiht

Er war einer der ganz Großen, ein feinsinniger und kluger Dirigent: Claudio Abbado, von 1989 bis 2002 Chef der Berliner Philharmoniker. Das Berliner Publikum hat ihn nie vergessen, auch, wenn er zwischen dem aufbrausenden Herbert von Karajan und dem dauercharmanten Simon Rattle geradezu zurückhaltend wirkte. Aber der überaus gebildete und vornehme Maestro hatte seine Philharmoniker durchaus im Griff. Jetzt hat ihn sein früherer Klangkörper, dem er auch nach seinem Abschied 2002 als Gastdirigent treu blieb, angemessen gewürdigt: mit einer Büste, die im oberen Südfoyer gegenüber von Karajan ihren Platz haben wird, wo auch die anderen bereits verstorbenen Chefdirigenten stehen.

Am Sonntag thront sie noch im Großen Foyer der Philharmonie, beklatscht und beguckt von den Freunden der Berliner Philharmoniker, die sie gestiftet haben. Eben noch wurde sie von Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann und Bildhauer Bertrand Freiesleben gemeinsam enthüllt. Jetzt zucken die Blitzlichter über Abbados edle Bronzezüge, bitten etliche der Anwesenden den Künstler um ein Autogramm. Der ist beeindruckt vom Wissen, wie er es eben in der Rätsel-Matinee für die Philharmoniker-Freunde erlebt hatte: Da spielte das Athanäum-Quartett sechs Sätze aus Streichquartetten, die von zwei Teams aus Philharmonikern und Freunden erraten werden mussten: „So viel Kennerschaft kenne ich in der Kunst nicht.“

Freiesleben ist selbst in der Musik bewandert, hatte Unterricht beim Philharmoniker-Cellisten Ludwig Quandt. Quandt war es auch, der Freiesleben für die Aufgabe dem Freundeskreis empfahl. Bislang porträtierte er durchaus prominente, meist lebende Menschen, Bundespräsidenten wie Horst Köhler und Fußballspieler wie Uwe Seeler. Bei Abbado musste er auf Fotos und Videos zurückgreifen.

Eine schwierige Aufgabe, weil er versuchte, viele Gesichtsausdrücke in einer Büste zu vereinen. „Es wollte mir nicht gelingen“, gesteht er. „Ich habe am Ende 18 Büsten gemacht, Sie sehen heute Nummer 14.“ Die Auswahl hatten am Ende die Freunde und Mitglieder der Abbado-Familie zusammen getroffen. Nobel, elegant, auch entschlossen sieht Abbado aus, besonders von der Seite mit scharf geschnittenem Profil. Freiesleben schwebte ein Renaissancekopf vor. Das Ergebnis ist fast zu schön, um wahr zu sein. Entsprechend geteilt sind die Meinungen unter den Freunden, die bei Wein und Brezeln zusammenstehen und diskutieren, wobei die Zustimmung klar überwiegt: „Ist gut geworden, das Schmale hat er getroffen“, „extrem klassisch“, „einfach elegant“.

Schauspieler Bruno Ganz, der öfter mit Abbado und den Philharmonikern gearbeitet hat, ist unter den Gästen wie auch Philharmoniker-Klarinettist Walter Seyfarth, der sich mit leuchtenden Augen an Abbado erinnert: „Wenn er abends auf die Bühne kam, vollzog sich eine Verwandlung, die mich immer wieder erstaunt hat.“ Diese Energie erkennt man in der Büste wieder, die den späten Abbado zeigt. „Da war so viel Lesbarkeit in seinem Gesicht“, sagt Freiesleben. „Am Ende kannte ich ihn auswendig.“ Einmal streichelt er zärtlich über sein Werk, zum Erstaunen des Publikums. So nahbar war der Maestro vermutlich noch nie. Etwas, das für alle gilt, wenn es nach Freiesleben geht: „Jeder darf ihn anfassen!“