Klassik-Kritik

Simon Rattle lässt die Streicher dichter zusammen rücken

Der erste Zyklus ist vollendet: Beethoven in der Philharmonie

Keine Verklärung, nirgends: Simon Rattles Beethoven-Zyklus mit den Philharmonikern endet im hellwachen Diesseits. Mit einer experimentellen 9. Sinfonie, die sich stark an die historische Aufführungspraxis anlehnt. Betont antiromantisch durchdringt Rattle den monumentalen Kopfsatz. Es ist ein Satz, an dem schon viele Orchester und Dirigenten gescheitert sind. Denn Beethoven mutet den Musikern viel zu: höchste Virtuosität im Zusammenspiel, blitzschnelles Hin-und-Her zwischen Motivgeflechten und flächiger Harmonik. Umso spannender die Frage, wie Rattle es diesmal lösen wird. Zunächst verzichtet der Brite auf all den außermusikalischen Gedankenballast, der Beethovens Neunte schon seit Generationen beschwert.

Rattle kehrt zurück zur nackten Partitur – und kleidet sie in eine historisierende Klangästhetik der 1990er Jahre. Die üppige Streicherbesetzung der Philharmoniker muss dicht zusammenrücken, schneidige Direktheit und straffe Artikulation zeigen. Die Holzbläser verschmelzen nicht, sondern sind jederzeit einzeln heraushörbar. Rattle überdeckt im Kopfsatz nichts, schönt an keiner Stelle. Wenn es in der Partitur knirscht, dann knirscht es auch im Orchester. Wenn Beethoven die Bläser gegen die Streicher aufhetzt, fliegen auch bei den Philharmonikern die Fetzen. Alles allerdings in streng kontrolliertem Rahmen: Rattle schnürt ein enges Tempokorsett, zwingt die Musiker zu Präzision und Effektivität. Die Streicher scheinen vor Konzentration den Atem anzuhalten.

Im nachfolgenden Scherzo wirken sie dann freier, werden wandlungsfähiger: von bissig bis adrett lächelnd, von markant bis leichtfüßig. Die Bläser halten bewundernswert geistesgegenwärtig und flexibel mit. Im langsamen dritten Satz beispielsweise, jenem harmonisch lichten Adagio, das so oft als Paradebeispiel für Beethovens melancholische Seite angeführt wird, für seine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Trotz inniger Anteilnahme der Philharmoniker gerät dieser Satz niemals in den Verdacht von Versunkenheit und Nachtrauer. Im Gegenteil: Rattle zwingt die Philharmoniker auch hier zu hoher Wachsamkeit, fordert klassizistische Strukturen statt romantischer Weiten. Vielleicht ist dies der Moment, in dem sich das Publikum am heftigsten spaltet: hier die Traditionalisten, die sich einen sinnlicheren, atmosphärischen Klang wünschen, wie sie ihn aus der Rattle-Vorzeit gewohnt sind. Dort die Liebhaber der historisch informierten Aufführungspraxis, die einen erfrischend modernen Klang zu vernehmen meinen. Im Chorfinale schwenkt Rattle schließlich auf das Vertraute um. Kämpferisch vereinigen sich Orchester, Chor und Vokalsolisten. Mit kraftvollen „Freude“-Rufen und in D-Dur-Helligkeit.

Und am Ende bleibt die Erkenntnis: Dieser Beethoven-Zyklus, der ab Montag gleich noch einmal wiederholt wird, hat sich gelohnt. Geschlossen wie schon lange nicht mehr standen die Philharmoniker hinter Rattle, zeigten sich offen für seine Experimente.