Kultur

Zerrissen zwischen Pflicht und Angst

Die Dunkelheit gehört ans Licht: Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ im Berliner Ensemble

Siggi Jepsen kauert auf seinem Stuhl. Er starrt auf sein Schreibpult, denkt angestrengt nach. Er, der in einer Besserungsanstalt für Jugendliche einsitzt, soll einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Obwohl Siggi zur Pflicht viel erzählen könnte, will „der Anker der Erinnerung nirgendwo fassen“. Zu viel strömt auf den jungen Mann ein, nichts kann er auf das Blatt Papier kanalisieren. Aber dann gelingt es ihm doch. Siggi beginnt zu schreiben. Er reist zurück in seine Kindheit, in das nordfriesische Dorf Rügbüll, dort, wo die Pflicht den Alltag bestimmt. Und der Zuschauer reist mit. Am Freitagabend feierte Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ in einer Bühnenversion von Christoph Hein Premiere auf der Bühne des Berliner Ensembles. Es ist die Pflicht, ein trügerisches Konstrukt, die hier die eigentliche Hauptrolle spielt. Über sie ist in Philip Tiedemanns Inszenierung viel zu lernen. Vor allem eins: Jeder hat seine individuelle. Die verfolgt, die heimsucht, die wehtut und manchmal Freundschaften zerstört.

Ein kleines Dorf am Rande des Weltgeschehens

In dem kleinen Dorf Rügbüll in Nordfriesland könnte die Welt 1943 noch in Ordnung sein, so abgeschieden und am Rande des Weltgeschehens gelegen, aber sie ist es nicht. Auch dieser Ort kann sich nicht wegducken, er kann sich nicht verstecken. Die Bühne ist vielleicht deshalb strahlend hell und ziemlich leer. Der Wind, das Meer, die Möwen, also alles, was den kleinen Ort ausmacht, das ist nicht zu sehen. Die Schauspieler imitieren – typisch norddeutsch verkleidet – Möwen, Meeresrauschen und den heulenden Wind. Da flattern dann die Anoraks von Hand, da wird plattdeutsch über die Heimat gesnackt, und wie ein Shanty-Chor a cappella gesungen. Was satirisch daherkommen könnte, ist es aber keine Sekunde lang. In der Regie von Philip Tiedemann gelingt es den Darstellern, Rügbüll in den Köpfen der Zuschauer entstehen zu lassen.

Siggis Vater, von Joachim Nimtz gemimt, fährt mit wehendem Cape auf einem unsichtbaren Fahrrad gegen den Wind an. Der Polizist hat eine Nachricht aus Berlin zu überbringen, an seinen Nachbarn und Freund Max Nansen. Nachrichten aus Berlin bedeuten in dieser Zeit nichts Gutes, so auch hier: Der Maler darf von nun an nicht mehr malen. Seine Kunst sei als „entartet“ betitelt worden, seine Bilder müssen konfisziert werden. Es ist Polizist Jepsens Pflicht, dieses Malverbot von nun an zu überwachen. Max Nansen, von Martin Seifert gespielt, insistiert: Das Verbot käme einem Berufsverbot gleich. Das könne sein Freund doch nicht wirklich ernst meinen. Aber Polizist Jens Jepsen meint es ernst. „Wir aus Rügbüll können eben auch nicht raus aus unserer Haut“, sagt er. Und man weiß nicht, ob es mehr Rechtfertigung oder Selbstbeschwichtigung ist. Joachim Nimtz gelingt es gut, diese Gesetzestreue zu verkörpern. Seine Mimik ist hart wie seine Hand, wenn er seinem Sohn Siggi den Po versohlt.

Und manchmal blitzt sein Gewissen hervor, dann zeigt sich seine innere Zerrissenheit zwischen Pflicht und Angst. Zum Beispiel, als sich sein älterer Sohn Klaas selbst in die Hand schießt. Während seine Frau, die von Felix Strobl gespielt wird, rigoros ist und ihren Sohn als Kriegsdeserteur verachtet, da bricht er in Tränen aus. Aber er kann eben nicht raus aus seiner Haut. Dann sagt er, ganz energisch und starr zugleich, Sätze wie „Brauchbare Menschen müssen sich fügen“ oder „wer immer seine Pflicht tut, der muss sich keine Sorgen machen“. Das will er gern glauben.

Maler Max lässt sich nicht von den fremden Pflichten beeindrucken. „Es kotzt mich an, wenn ihr von Pflicht redet“, brüllt er, der in Kontrast zum schwarz uniformierten Polizisten Jepsen im hellen Sommeranzug und mit Strohhut auftritt. Martin Seifert spielt den Maler, der von Siegfried Lenz nach dem Vorbild des Expressionisten Emil Nolde konzipiert wurde, empathisch, väterlich und mit stillem Trotz. Nicht Malen, das kann er nicht. Er malt „unsichtbare“ Sonnenuntergänge, treibt Polizist Jepsen zur Weißglut. Die Freundschaft der beiden – Maler Max rettete dem Jepsen sogar das Leben – wird durch das Pflichtbewusstsein des einen und der unmöglichen Akzeptanz des anderen zerstört. Bis Polizist Jepsen seine Waffe zückt.

Sein Sohn Siggi, der eine gute Beziehung zum Maler hat, ist bei alldem dabei. Er wird von Max gebeten, seine Bilder zu verstecken. Von da an sieht es das Kind als seine persönliche Pflicht an, sie zu verbergen, so wie sein Vater es als eine Pflicht erachtet, die Bilder zerstören zu wollen. Auch nachdem die Briten Rügbüll besetzen, der Krieg endlich vorbei ist, sind ihre Pflichten nicht verschwunden. Polizist Jepsen wird drei Monate beurlaubt, bekommt eine neue Uniform und auch eine neue Pflicht: Reinen Tisch machen! Aber so einfach geht das nicht, die Altlasten ziehen die Figuren mit sich fort.

Verquickung von Pflicht und Schuld zur Nazizeit

Siegfried Lenz, der vor einem Jahr in Hamburg verstorben ist, hatte die Erzählung 1968 veröffentlicht. Sie wurde ein großer Erfolg, avancierte sie doch inmitten der Studentenunruhen zum Sinnbild der von den Jugendlichen kritisierten Verquickung von Pflicht und Schuld zur Nazizeit. Lenz zeigte, dass die Pflicht ungeachtet aller Umstände keine Ausrede sein kann. Und dass sie sich fortpflanzt in die nächste Generation.

So ist Siggi Jepsen, im Theater famos von Peter Miklusz verkörpert, in der Besserungsanstalt gelandet, weil er Bilder des Malers in Sicherheit gebracht habe. „Das ist auch schon alles“, sagt er. Aber das ist eben nicht alles. Es ist die Pflicht, die aus einem Trauma entstand, die Siggi dorthin brachte. Eine tief verwurzelte, die ihn nicht los lässt, die ihn die Gemälde sogar klauen lässt. Nansens Bilder bleiben in der Adaption von Hein immer weiß, unsichtbar. So wie Rügbüll auf der Bühne, so wie die Pflichten der Figuren, entstehen sie nur im Kopf. Den Zuschauern das zu überlassen, macht es sehr lebendig. Das Stück, das im Sommer nur auf der Probebühne zu sehen war, bekommt langen Applaus. Auf zwei Erzählebenen dargestellt, gelingt es dem Stück in seiner strahlenden Helle, Eindrückliches zu zeigen: Die Dunkelheit kann überall keimen. Und dass sie bleibt, wenn man sie nicht wieder ins Licht rückt oder zu Papier bringt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Termine: 30.10., 9.11. und 4.12.