Kultur

Feuerkopf und Charmeur

Beide starten 2017 in Berlin: Vladimir Jurowski wird Chefdirigent des RSB, Robin Ticciati des DSO

Robin Ticciati wird der neue Chef am Pult beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin

Robin Ticciati wird der neue Chef am Pult beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin

Foto: Marco Borggreve

Im Minutentakt haben zwei Berliner Orchester am Donnerstag per E-Mail mitgeteilt, dass sie neue Chefdirigenten gefunden haben. „Vladimir Jurowski wird neuer Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB)“, hieß es um 12.37 Uhr. Der 43-Jährige übernimmt demnach die Position mit Beginn der Saison 2017/18 als Nachfolger von Marek Janowski. „Robin Ticciati heißt der Nachfolger von Tugan Sokhiev an der Spitze des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin“, folgte als E-Mail um 12.40 Uhr. Der 32-jährige Engländer übernimmt laut Mitteilung die Position des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters des DSO ab der Saison 2017/18 für zunächst fünf Jahre.

Beide Orchester haben zweifellos eine gute Wahl getroffen, beiden Dirigenten, die zur Verjüngung an den insgesamt sieben großen Chefpulten in Berlin beitragen, geht ein guter bis sehr guter Ruf voraus. Der eine gilt als Feuerkopf, der andere als Charmeur. Dass die Personalien im Minutentakt mitgeteilt wurden, war keine Absicht, aber auch kein Zufall. Es hatte einen ganz pragmatisch-juristischen Grund. Am Vormittag gab es eine Kuratoriumssitzung der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH, zur der die beiden Orchester gehören. Im Kuratorium haben die Vertreter der vier Gesellschafter Deutschlandradio (40 Prozent), Bundesrepublik Deutschland (35 Prozent), Land Berlin (20 Prozent) und Rundfunk Berlin-Brandenburg (fünf Prozent) das letzte Wort. Am Donnerstag wurde über die beiden Chefverträge abgestimmt. Anschließend wurden sofort die vorbereiteten E-Mails abgeschickt.

Damit sind in Berlin die wichtigsten Chefpositionen wieder besetzt. Lediglich an der Komischen Oper wird noch ein neuer Generalmusikdirektor für Henrik Nanasi gesucht. Es lag eigentlich näher, dass Vladimir Jurowski dort anbandelt. Zuletzt hatte Jurowski, der mit seiner Familie in Berlin lebt, an der Komischen Oper gemeinsam mit dem Regieintendanten Barrie Kosky eine grandiose „Moses und Aron“-Produktion hingelegt. In Jurowskis Biografie eher versteckt ist seine Zeit von 1997 bis 2000, als er Erster Kapellmeister an der Komischen Oper war. In meiner Erinnerung war er seinerzeit ein ernster Mann, ehrgeizig, ja musikalisch besessen und unbestechlich. Und völlig desinteressiert an den muffigen Intrigen, die hinter den Kulissen der Häuser so stattfinden. Diese Eigenschaften teilt er wohl mit Kirill Petrenko, der von 2002 bis 2007 an der Komischen Oper war. Beide kommen jetzt wieder nach Berlin, allerdings nicht als Opernleute. Der eine wird Chef der Berliner Philharmoniker, der andere des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin.

Unterschiedlicher Wahlmodus bei den Orchestern

Die Wahl dazu konnte allerdings unterschiedlicher kaum verlaufen. Die Philharmoniker versuchten es zunächst in aller Öffentlichkeit. Und zugleich geheimnisumwittert wie bei einer Papstwahl. Dann aber misslang den 123 Philharmonikern die Wahl des Simon-Rattle-Nachfolgers. Um die Peinlichkeit der Orchesterrepublik zu begrenzen, wurde Petrenko schließlich vor der Sommerpause in allergrößter Diskretion gekürt. In der Hierarchie der Roc GmbH herrschte dagegen von Anfang an größte Verschwiegenheit. Das Zauberwort heißt Findungskommission. Solche Kommissionen scheinen ein Garant dafür zu sein, dass von außen keiner mehr durchsieht. Nicht einmal die Musiker selbst. In den beiden Findungskommissionen saßen für beide Orchester jeweils drei Musiker, Vertreter des Managements und des Betriebsrats. Die Zeit drängte: Marek Janowski hatte erst im April angekündigt, seinen Vertrag als RSB-Chefdirigent nicht über die Saison 2015/2016 hinaus zu verlängern. Auch Tugan Sokhiev war mit seiner Rückzugsankündigung spät dran für eine langfristige Planung. Die Roc hat es überraschend schnell hinbekommen, vielversprechende Dirigenten zu präsentieren. „Wir haben nur wenige Wochen verhandelt“, sagt Alexander Steinbeis, Orchesterdirektor des DSO.

Bei beiden Orchestern ist am Donnerstag so etwas wie „Es war Liebe auf den ersten Blick“ zu hören. Es gehört sicherlich zu den Kuriositäten dieser Chefwahlen, dass die Dirigenten ihre neuen Orchester eigentlich gar nicht kennen. Jurowski hat das RSB zwar 1997 kennengelernt und später dieses und jenes Familienkonzert dirigiert, aber eigentlich nie so richtig. Dann kam die gefeierte Aufführung von Alfred Schnittkes Sinfonie Nr. 3 beim Musikfest Berlin 2014. Im Februar erschien die gemeinsame CD-Einspielung. Seither sind alle des Lobes voll – und Jurowski der Favorit. Beim DSO ist es noch verrückter, dort gab es bisher nur ein Date, bei dem man sich verlieben konnte. Das war im September 2014, als Robin Ticciati mit Bruckners Vierter Symphonie beim DSO debütierte. Das etwas Besonderes in der Luft lag, konnte man aber sogar in den Konzertkritiken lesen, wo ihm Charme und verzückende Musikalität attestiert wurden. Robin Ticciati, 1983 in London geboren, kann bereits auf eine beachtliche Karriere verweisen. Angefangen hat er als Geiger, Pianist und Schlagzeuger, mit 15 Jahren wendet er sich dem Dirigieren zu. Inzwischen leitet er, der auch von Simon Rattle gefördert wurde, das Scottish Chamber Orchestra, und ist als Nachfolger von Vladimir Jurowski Musikdirektor des Glyndebourne Festivals. Seinem Nachnamen ist zu entnehmen, dass er italienische Vorfahren hat. Sein Großvater Niso Ticciati, ein Römer, war Komponist und Arrangeur.

Die neuen Chefdirigentenstellen sich in Berlin vor

Vladimir Jurowski, 1972 in Moskau geboren, entstammt einer der großen Musiker- und Dirigentendynastien. 1990 kam die Familie nach Deutschland, Vladimir Jurowski ist als Dirigent in aller Welt unterwegs. Derzeit ist er Chef des London Philharmonic Orchestra. Wann er sich in Berlin bei seinem Orchester vorstellen wird, das sei noch nicht ausgemacht, hieß es am Donnerstag. Er ist viel unterwegs. Fest steht, im Januar 2017 wird Jurowski seinen Einstand als designierter Chefdirigent geben. Robin Ticciato wird bereits jetzt am 12. November eine Pressekonferenz in Berlin geben. Das erste Konzert des designierten Chefdirigenten folgt am 28. Februar 2016. Derzeit würde man aber in die vollen Terminkalender schauen, so Alexander Steinbeis, um weitere Termine zu finden.

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