Konzert-Kritik

Ballende Energie statt klassischer Schönheit

Simon Rattle wagt einen Beethoven-Zyklus

Ein sinfonischer Gesamtzyklus lässt Einblicke in die Entwicklung eines Komponisten zu und offenbart Querverbindungen zwischen seinen Werken. Auf der anderen Seite kann eine Konzertreihe mit Werken eines einzigen Komponisten schnell eintönig werden. Zyklen bergen immer ein gewisses Risiko, selbst wenn es sich dabei um einen Wiener Klassiker handelt. Sir Simon Rattle wagt in dieser Saison erstmals einen Beethoven-Zyklus mit den Berliner Philharmonikern. Die neun Sinfonien werden nicht nur daheim in Berlin zweimal als Zyklus, sondern auch in Wien, Paris, New York und Tokio aufgeführt. Der Zyklusauftakt in der Philharmonie beweist die Anziehungskraft Ludwig van Beethovens. Kein einziger Platz bleibt leer. Es beginnt erwartungsgemäß mit der 1. Sinfonie.

Glatt und frenetisch schlittert zu Beginn dessen erster Satz vorbei. Statt die von Haydn und Mozart abgeleitete klassische Schönheit, welche den 29-jährigen Beethoven noch geprägt hat, betont Rattle die ballende Energie, die bereits auf die 3. Sinfonie, die "Eroica", hindeutet. Die Streicher spielen mit unglaublicher Intensität. Statt schwellender Phrasen bevorzugt Rattle bei Beethoven Schlankheit und eine innere Spannung. Im folgenden "Andante" wird seine Vorliebe für die kleine Geste, die auf Kosten großer Bögen und fließender Übergänge geht, noch deutlicher. Sein blitzschnelles Tempo wird im "Menuetto" gesteigert. Rattles Interpretationsansätze sind zum Teil so eifrig, ja aggressiv, dass man sich fragt, ob man ihnen noch folgen kann.

Und dann geschieht es: Am Ende des ersten Satzes der "Eroica" findet unter Rattles Leitung fast eine beethovensche Offenbarung statt. Durch das Orchestergewebe hindurch wird ein Hauch von Gefahr spürbar. Das Tempo wird großzügiger. Im folgenden langsamen Satz, dem "Marcia funebre", schildern die Streicher und der einsame Oboengesang von Jonathan Kelly bereits das Ende einer Ära. Der Trauermarsch klingt, als würde man durch die leere, vom Krieg verwüstete Innenstadt Wiens laufen. Auf fast mahlersche Art vernimmt man die toten Seelen, bevor die Erde in einer unerwarteten harmonischen Wendung der Oboe wieder aufblüht.

Ungezwungen, dann wieder eindringlich bewältigt Simon Rattle die fast bipolaren Schwankungen in Beethovens Sinfonik. Das Horntrio im "Scherzo" ist so rund, wie man es sich nur wünschen kann. Die Philharmoniker reagieren prächtig. Simon Rattle kann den Schwung auskosten. Im Finale lässt er seine Arme auf tänzerische Art schwingen, bevor Soloflötist Emmanuel Pahud mit souveräner Virtuosität ins Rampenlicht steigt. Es ist eine nahegehende Aufführung. Leicht erschöpft nimmt der Dirigent dann den stürmischen Beifall entgegen.

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