Veranstaltung

Yanis Varoufakis, der Freund der Deutschen

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Matthias Wulff
Hauptsache Krise: Podiumsdiskussion mit Franco Bifo Berardi, Srecko Horvat, Yanis Varoufakis, und Guillaume Paoli (v.l.) in der Volksbühne

Hauptsache Krise: Podiumsdiskussion mit Franco Bifo Berardi, Srecko Horvat, Yanis Varoufakis, und Guillaume Paoli (v.l.) in der Volksbühne

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Populismus geht anders: Der frühere griechische Finanzminister diskutiert in der restlos ausverkauften Volksbühne.

Guillaume Paoli wählt eine ungewöhnliche Eröffnung. Der französische Schriftsteller moderiert am Dienstagabend in der Volksbühne und macht sich über seinen Stargast lustig. Nicht bösartig, aber hartnäckig. Yanis Varoufakis, der neben ihm sitzt und ein turbulentes Halbjahr lang griechischer Finanzminister war, werde heute wie ein Popstar gesehen, sagt Guillaume Paoli, er werde von linken Groupies und Hipstern gefeiert, er befriedige mit seiner Tour durch Europa sein narzisstisches Ego.

Yanis Varoufakis macht nicht den Eindruck, als sei diese Ankündigung abgesprochen, er wirkt überrumpelt und verblüfft und muss lachen, ähnlich wie das Publikum in der Volksbühne. Die Veranstaltung „Im Zentrum des Übels / Plan B für Europa“ ist restlos ausverkauft, im Foyer und im Roten Salon wird sie auf der Leinwand übertragen, mehr als 1000 Besucher zählt der Veranstalter. Das nächste Mal, wenn Yanis Varoufakis in die Stadt komme, werde das Olympiastadion gebucht, sagt Guillaume Paoli. Und wieder übertreibt er, ohne falsch zu liegen.

Lieber sich den Arm abhacken

Dass Yanis Varoufakis heute als Popstar gesehen wird, ist Teil des Verwertungsprozesses des Kapitals, der sich auf jede Ikone stürzt, egal ob es sich um einen geschickten Hamster auf Youtube oder einen Ökonomieprofessor handelt, ein Entkommen gibt es nicht. In kurzer Zeit ist er europaweit ein Hoffnungsträger für die geworden, die nicht damit einverstanden sind, wie in Europa regiert wird. Denn egal, welchen politischen Standpunkt man einnimmt, es wird wohl keiner sagen, dass die Auszahlung des 85-Milliarden-Euro-Kredites im Sommer ein Befreiungsschlag für Griechenland und die Euro-Länder war.

Varoufakis erzählt, wie 2010 ausgerechnet sein Land zu einem 110-Milliarden-Euro-Kredit kam, dem größten der Geschichte der EU. Dabei sei es gar nicht darum gegangen, Griechenland vor der Insolvenz zu bewahren, sondern die Banken großer europäischer Länder. Und so war es auch: Im März 2010 beliefen sich laut Ifo-Institut Griechenlands Finanzverbindlichkeiten gegenüber französischen Banken auf 53 Milliarden Euro, gegenüber den deutschen Banken auf 33 Milliarden Euro. „Auf zynische Weise wurde das Geld den europäischen Steuerzahlern entzogen, um die Banken zu retten“, sagt Varoufakis. Das Spiel habe sich nun 2015 wiederholt, wieder sollte ein Land Kapital erhalten, dass de facto bankrott sei. Er habe den Gläubigern gesagt, dass er sich lieber den Arm abhacken wolle, als den Kredit von 85 Milliarden Euro entgegenzunehmen. Den anderen Teil der Geschichte, – nämlich dass die griechische Regierung in den vergangenen Monaten nie eine Idee zu vermitteln wusste, wie sie ihre Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen könnte – ließ er außen vor.

„Ich hatte mehr Probleme mit den griechischen Eliten“

Begleitet wird Varoufakis zum einen von Srećko Horvat, einem kroatischen Philiosphen, der wenig zu sagen weiß, aber in seiner lässigen Sitzhaltung eine dekorative Bereicherung ist, zum anderen von Franco Berardi, einem italienischen Philosophen, der viel zu sagen weiß, nur nicht auf Englisch. So passt Beradis Auftritt gut zu einem Theater, da er im Laufe der zweistündigen Diskussion immer wilder mit den Händen gestikuliert und den Körper verschränkt, als fühle dieser die Ohnmacht gegenüber der fremden Sprache. Dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, zeigt sich daran, dass die Teilnehmer das Wort an den Anderen richten, nur Varoufakis als Top-Act des Abends spricht zum Publikum.

Varoufakis nimmt nicht den leichten Weg und arbeitet sich an der deutschen Regierung ab. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wird liebevoll „Wolfgang“ genannt, er könne die Deutschen sehr gut verstehen, dass sie sich gegen das liebste Projekt der Franzosen der Nachkriegszeit – eine politische Union unter französischer Dominanz, finanziert von der Deutschen Mark – wehre. Franco Berardi weist ihn zurecht, Varoufakis unterschätze die „kolonialen Bestrebungen der Deutschen“. Varoufakis sieht das explizit nicht so: „Ich hatte mehr Probleme mit den griechischen Eliten als mit der deutschen Regierung.“ Wäre er ein Populist, hätte er in diesem Moment einen herablassenden Witz über Wolfgang gemacht.